
Von Thomas A. Friedrich
Die Galerien-Szene in Brüssel ist nicht nur mit renommierten Adressen verknüpft. In der belgischen Hauptstadt finden sich mannigfaltige private Initiativen, die Künstlern Raum und eine Plattform für Ausstellungen geben.
Anlässlich der Feier des runden Geburtstag eines langjährigen journalistischen Kollegen und Freundes entdeckte ich am Wochenende jenseits des Square Ambiorix die „Galerie & Espace Culturel, L Estampille“ und traf auf eine aus Griechenland stammende Künstlerin mit einer originellen Geschichte.
„Ich heiße Drossia Bouras und stamme aus Griechenland. Ich habe mit dem Malen begonnen im Alter von 60 Jahren, als ich mit der Arbeit als Soziologin aufgehört habe.“ Dies war der Beginn einer beeindruckenden Reise in die Welt des künstlerischen Gestaltens.
Die couragierte Griechin, deren Lebensmittelpunkt seit mehreren Jahrzehnten Brüssel ist, hat seit ihrer Pensionierung Pinsel und Farben-Palette Priorität in ihrem Leben eingeräumt.
Wohl wissend, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist, erlernte sie Maltechniken und den Umgang mit Leinen, Acryl und Glas durch intensive Kunststudien. So belegte sie an der Kunstakademie in Watermael-Boitsfort (L’Academie des Beaux-Arts de Watermael-Boitsfort) wöchentlich drei Kurse künstlerischen Gestaltens und Werkens. Darüber hinaus hat sie im Laufe der Jahre an zahlreichen Sommer-Akademien und an Fortbildungen zur Weiterentwicklung ihres beachtlichen Kunstschaffens teilgenommen.
Lichtdurchflutete Galerieräume in ehemaligem Ladenlokal
Auf Drossia Bouras, Kind des mediterranen Südens, übt das Meer seit jeher eine besondere Faszination aus. Dies spiegelt sich auch in ihrer dritten Ausstellung, die noch bis zum 31. Januar in der Galerie d Art L`Estampille, Rue de Pavie 75, 1000 Bruxelles, zu entdecken einlädt.
Die ausgestellten Werke – an den Wänden, aber auch auf kleinen Staffeleien präsentiert – profitieren vom einströmenden Naturlicht der zwei großen Schaufenster des ehemaligen Ladenlokals.
Reise-Eindrücke prägen Motive und künstlerisches Oeuvre
„Das Meer ist für mich der Ausbruch aus der Gefangenschaft des täglichen Lebens und Eintauchen in Träume. Aber das Meer ist auch ein Ausdruck der Phantasie, die mich stark inspiriert und meine Motive beeinflusst”, sagt Drossia Bouras.
In der aktuellen Werkschau findet sich unter den gut 30 figurativen und auch expressionistischen Arbeiten oft als verbindendes Element das Meeresblau. Nicht nur mit Tiefblau auf der griechischen Insel Kreta. Gleich daneben auf der Ziegelsteinwand in der Galerie präsentiert sich zur Linken eine Sonnenuntergang-Stimmung von Ostende, und zur Rechten wird das sublime Nordlicht Schottlands eingefangen.
Gleich mehrere Leinwand-Gemälde aus der Bretagne finden sich auf der gegenüberliegenden Wand. „Ich liebe die Bretagne und fahre jedes Jahr hin“, sagt die dynamische Griechi. Sie schwärmt für das Nordmeer und die changierenden Lichtverhältnisse des Ärmelkanals. Am liebsten arbeitet sie im Freien nicht nur in mediterraner Wärme, sondern auch im maritimen moderaten Klimabreiten Belgiens und Frankreichs.
Neues wagen und Kreativität auch im Alter ausleben
Ihre Spätberufung als Künstlerin trägt sie als optimistische Aufforderung in den Freundes- und Bekanntenkreis, Gleiches zu tun und auch im Alter neue Projekte anzustoßen. “Man sollte sich auch im Alter die Fähigkeit erhalten, loszulassen und sich gehen zu lassen”, ermuntert die umtriebige Griechin, das Seniorenalter aktiv zu gestalten.
Ihr Credo: Eintauchen in Licht und Farbe, offenbleiben, um Neues zu erlernen und sich gehen zu lassen, sich auf Entdeckungsreise zu begeben und auch seine eigenen kreativen Fähigkeiten auszuleben.
Bouras selbst versteht ihr Eintauchen in künstlerisches Werken als ganz „persönliches Refugium gegen das Chaos der Welt.“ Damit gelinge es ihr, die derzeit bedrohenden Entwicklungen in Politik oder dem Klimawandel auszuhalten. Dabei sieht sie sich nicht als apolitisch an, sondern verfolgt sehr wohl aufmerksam das Zeitgeschehen nicht nur in Belgien und ihrem Heimatland Griechenland.
Bouras: “Niemand sollte sich einreden ich bin zu alt”
Die Talente von Drossia Bouras haben 60 Jahre geschlummert und treten nun mit einer eruptiven Kraft an die Oberfläche und gebären Werke, die in der Tat den Betrachter in den Bann ziehen.
Die von der Kunst beseelte Griechin ermuntert Frauen und Männer gleichermaßen, es ihr nach dem aktiven Berufsleben gleichzutun und aktiv zu werden. „Niemand sollte sich einreden, ich bin zu alt, um noch mit was ganz anderem zu beginnen“, sagt sie und ermuntert dazu, ihr nachzueifern. Dieser neue Lebensabschnitt im reiferen Alter eröffne ihr nunmehr, viel zu lesen, viel zu reisen und Neues zu entdecken. Und ihr Tatendrang als “60Plus” beschränkt sich nicht auf die Malerei. Sie ist auch aktiv an Film-Produktionen beteiligt und schreibt Kritiken für ein Kulturmagazin.
Von afrikanischen Künstlern neue Maltechniken erlernt
Die polyglotte Griechin hat ihren Horizont nicht nur auf den europäischen Kontinent beschränkt. Auf Reisen in afrikanische Länder entdeckte sie andere Kulturen und hat auch von dortigen Künstlern neue, bisher nicht ausgeübte Maltechniken erlernt.
So erlebte sie in Südafrika beispielsweise, dass die Apartheid zwischen Schwarzen und Weißen weiterhin ein systemimmanentes Problem in der Gesellschaft darstelle. Von einer großformatigen Kreide-Wandzeichnung eines farbigen Mädchens machte sie ein Handy-Foto und widmete ihr ein ganz persönliches Bild. „Ich habe mich für eine Darstellung des Mädchens ohne Gesicht entschieden, weil Schwarze dort weiter anonymisiert leben“, erklärt Bouras im Gespräch mit Belgieninfo.
Aber sie erlebte auch erhellende und bereichernde Momente auf dem Schwarzen Kontinent. So etwa in Senegal, wo sie die dort sehr verbreitete Maltechnik auf Acryl entdeckte und für ihre eigenen Arbeiten zu eigen machte. Diese schlagen sich in ausdrucksstarken kleinformatigen Bildern beispielsweise eines afrikanischen Liebespaares oder Porträtdarstellungen wider.
Fotos: Thomas A. Friedrich, Reinhard Boest







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