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Mit den “Schöninger Speeren” auf dem Weg zum Weltkulturerbe

Von Reinhard Boest

Was fällt einem ein, wenn man “Unesco-Weltkulturerbe” hört? Man denkt wahrscheinlich an Schlösser wie Chambord oder Schwerin, Kathedralen wie Hildesheim oder Amiens oder Tempelanlagen wie Abu Simbel und Angkor Wat. Aber was haben Speere auf der Weltliste der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur zu suchen?

Eine Veranstaltung in der niedersächsischen EU-Vertretung in Brüssel brachte die Erklärung. Es geht um die “Schöninger Speere”, einen archäologischen Fund, der vor etwa 30 Jahren in einem Braunkohlentagebau im Kreis Helmstedt, unmittelbar an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, gemacht wurde. Zusammen mit zahlreichen Artefakten aus Stein und Knochen stieß man bei den sich über viele Jahre hinziehenden Grabungen auf insgesamt zehn bis zu 2,30 Meter langen Speere aus Fichten- und Kieferholz. Ihre Entstehungszeit wurde auf Grund verschiedener wissenschaftlicher Analysemethoden auf etwa 300.000 bis 200.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung datiert. Sie sind auf jeden Fall in der Altsteinzeit (Paläolithikum) entstanden und gelten als die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt. Und sie gehören zu den weltweit äußerst seltenen Holzartefakten aus dieser Zeit. Die Untersuchung der Speere zeigte eine weit entwickelte technische Fähigkeit. Sie waren in ihrer Machart durchaus vergleichbar mit Speeren, wie sie heutzutage bei Sportwettkämpfen verwendet werden. Man konnte aus den Jagdmethoden auch Schlüsse auf die Fähigkeiten der damaligen Menschen (homo Heidelbergiensis und Neanderthaler) ziehen, sich untereinander abzustimmen und gemeinsam vorzugehen.

Die Veranstalter hatten eine illustre Runde von Fachleuten aufgeboten, um die Einzigartigkeit dieses Fundes zu vermitteln und die Geschichte der Speere und der Menschen, die sie hergestellt und benutzt haben, in einen europäischen Kontext zu stellen. Zunächst konnten sich die Besucher aber eine kleine Ausstellung anschauen. Darin waren nicht nur Fotos der Ausgrabungsstätte und des dazu gehörenden Museums zu sehen, sondern auch Darstellungen, wie damals damit gejagt wurde. Blickfang der Ausstellung war dabei eine ausgestopfte, den Betrachter bedrohlich anschauende Riesenkatze mit Säbelzähnen – und einem abgebrochenen Speer in der Seite.

In seiner Begrüßung setzte Joachim Schachtner, Staatssekretär im niedersächsischen Wissenschaftsministerium, den Rahmen: Die Schöninger Speere stellten eine Verbindung her zwischen tiefster Vergangenheit und Zukunftsfragen. Denn die Fundlandschaft, die sich am Ufer eines pleistozänen Sees über Jahrtausende erhalten habe, sei ein nahezu vollständiges Archiv einer vergangenen Umwelt. Unter den eiszeitlichen Sedimente finde man Reste eines Ökosystems, das Tierwelt, Pflanzen, Pollen, Insekten, Holzreste, Knochen und sogar feine Trittsiegel umfasst. Hier könne man verstehen, wie Menschen in Zeiten klimatischer Schwankungen gelebt, geplant und sich angepasst haben. “Und genau diese Fragen beschäftigen uns heute wieder”, führte Schachtner aus.

Europäische Geschichte beginne nicht erst mit Antike, Mittelalter oder Moderne. Die Schöninger Speere seien Teil einer Menschheitsgeschichte, die in Europa verankert sei. “Dieses Kulturerbe gehört zu den Fundamenten europäischer Identität.” Und darum sei es nur folgerichtig, dass Wissenschaftler und Forscher aus mehreren Staaten an diesem Projekt arbeiteten.

Dirk Eder vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege gab anschließend im Zeitraffer einen Überblick über die Erdgeschichte seit der Altsteinzeit, insbesondere die aufeinander folgenden Warm-, Kalt und Eiszeiten und die damit verbundenen Veränderungen der Lebensumstände. Im Laufe der Zeit seien zahlreiche Erdschichten über den Speeren entstanden, die auch dafür gesorgt hätten, dass sie so gut erhalten seinen. Als sie im Zuge des Tagebaus entdeckt wurden, lagen die Fundstücke etwa 15 Meter unter der heutigen Erdoberfläche. Anhand dieser Schichten lasse sich auch die Entwicklung von Natur und Umwelt über die Jahr(hundert)tausende erforschen. Schöningen sei daher nicht nur eine Kultur-, sondern auch eine Naturerbestätte.

Der Antrag auf die Aufnahme in die Unesco-Welterbeliste solle im September eingereicht werden. In der nationalen deutschen Kandidatenliste (Tentativliste) sei Schöningen bereits enthalten, nachdem die Stadt Schöningen bereits 2016 eine entsprechende Initiative gestartet habe. Für die Ausgestaltung des Antrags sei noch einige Arbeit zu leisten. 2030 könne es eine Entscheidung geben.

In dem anschließenden Podiumsgespräch unter der Leitung des Archäologen Henning Haßmann vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege wurden die Europaabgeordnete Nela Riehl (Volt), Vorsitzende des Kulturausschusses, und Georg Häusler von der Europäischen Kommission nach der Rolle der Kultur im künftigen EU-Finanzplanung gefragt. Nach ihrer Einschätzung dürfe europäische Kulturpolitik keine Konkurrenz oder gar Ersatz für nationale Politik sein. Schöningen sei dafür ein Beispiel, denn hier zeige sich, dass Geschichte älter ist als jeder Nationalstaat. “Geschichte kann hier vor Ort mit den Menschen durch konkrete Initiativen erlebbar gemacht werden”, forderte Riehl. Häusler betonte auch die Bedeutung solcher Kulturerbestätten als Wirtschaftsfaktor.

Auch Mike Reich, Direktor des Staatlichen Naturhistorischen Museums in Braunschweig, unterstrich, dass dieser “Meilenstein europäischer Geschichte” als Beispiel für Vernetzung der Menschen, Resilienz und Klimawandel einer breiten Öffentlichkeit vermittelt werden müsse. Dazu sollten auch moderne Formen der Präsentation verstärkt genutzt werden. Gerade für junge Menschen müsse es einen “Wow-Effekt” geben. Die Direktorin des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege, Christina Krafczyk, hob die immateriellen Werte hervor, für die Schöningen stehe. Vor allem lasse sich zeigen, dass die Menschheit über viele Jahrtausende nachhaltig gewirtschaftet habe, was erst seit der jüngsten Vergangenheit zunehmend verloren gehe.

Besonders beeindruckt zeigte sich Nuria Sanz von der Unesco. Es gebe wenige Stätten, die so alt seien. Als Vergleich verwies sie etwa auf die Grottenmalereien von Lascaux in Frankreich, die “nur” auf 19.000 bis 36.000 Jahre geschätzt werden. Auch seien in Schöningen Erhaltung, Präsentation und wissenschaftliche Begleitung “extraordinary”. “The Heritage Convention needs a place like Schöningen”, sagte sie voller Lob. Diese Ausführungen waren für die Veranstalter natürlich besonders ermutigend, und man hatte den Eindruck, mit der Bewerbung könne eigentlich gar nichts mehr schief gehen.

Zum Schluss erinnerte der Landrat des Kreises Helmstedt, Gerhard Radeck, noch einmal an das “Wunder”, das die Entdeckung der Speere seinerzeit bedeutet habe. “Zum Glück konnten wir die Abraumbagger anhalten und die Grabungen in der Tagebaugrube ermöglichen”, sagte er. Das sei nicht selbstverständlich gewesen. Und dass die Funde nicht in einem großen Museum, sondern vor Ort im historischen Kontext gezeigt werden könnten, sei ein Gewinn für den ländlichen Raum.

Kurt Gaissert vom Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel wünschte sich, dass ein Bezug zu Schöningen auch dort seinen Platz finden möge. Dann könne er seine Führungen bei den “wirklich ersten Europäern” und nicht wie jetzt bei den Phöniziern beginnen lassen.

Und vielen Zuhörern gab die Veranstaltung sicherlich Lust, sich vor Ort einmal anzuschauen, wie unsere Vorfahren damals am Schöninger See gelebt haben.

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© Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege MINKUSIMAGES

 

 

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