
Von Anne Kotzan
Belgien ist noch immer ein Land des Surrealismus und für Zuwanderer oft schwer zu verstehen. Aber wenn man sich näher mit seiner Kultur und Kunst beschäftigt, gibt es viel zu entdecken: Auch Künstler von internationalem Format, die doch ein Geheimtipp sind. So Jacques Lizène (1946-2021). Er steht in der Tradition von Marcel Broothaers und war befreundet mit Jacques Charlier. Kennengelernt habe ich ihn noch in der Galerie Nadja Vilenne in Lüttich. Dort gibt derzeit eine sehenswerte Ausstellung mit seinen frühen Arbeiten aus den Jahre 1971 bis 1973 einen fantastischen Einblick in die Denkweise des damals noch jungen Künstlers.
Jacques Lizène, zukünftiger „Petit Maître“ der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, beginnt eine intensive Zusammenarbeit mit Guy Jungblut, dem Gründer der Galerie Yellow in der Rue Roture in Lüttich, einer Galerie, für die Lizène Ende 1969 die Vorarbeit leistet. Der Künstler und sein Galerist, die „derselben Generation“ angehören, sind „verrückt und konzeptuell“. Jacques Lizène produziert Filme, Texte und Fotografien. Gleichzeitig bekennt er sich zur Nichtfortpflanzung und erklärt, sich einer Vasektomie unterzogen zu haben. Dadurch trage er fortan eine innere Skulptur in sich. Die Ausstellung konzentriert sich auf diese Jahre, Jahr für Jahr, Ausstellung für Ausstellung, Erklärung für Erklärung. Begleitet wird sie von einer Publikation: “Les Années Yellow, Band II” (obwohl Band I noch nicht erschienen ist!), einer Chronologie, die sich in der Fertigstellung befindet. Auch das ist Belgien! Selbst wenn es die Galerie Yellow nicht mehr gibt, so ist der gleichnamige Verlag mit Guy Jungblut noch immer aktiv und exklusiv.
Jacques Lizène gehört zu der Künstlergeneration der 1970er Jahre, war bis zu seinem Lebensende aktiv, ist aber in Deutschland nicht bekannt. Vielleicht auch, weil ein bedeutendes Element seiner Arbeiten die Sprache ist, und die ist Französisch. Gleichzeitig war er ein Enfant terrible, trieb er doch seine visuellen Provokationen auf die Spitze der Empfindung, indem er den Geruchssinn und Ekel in seinen Bildern mit Exkrementen mobilisierte. In seinem Visier waren die kleinen alltäglichen Dinge. Dinge, die er in einen anderen Kontext setzte und damit eine Bedeutung gab. In der Ausstellung sieht man die Arbeit zum Diafilm, in der er das Wort konkret zerlegt und ein Dia neben einem Film zeigt. Ein Till Eulenspiegel unserer Zeit, der nicht nur das Wort konkret nimmt, sondern auch Zimmerpflanzen kopfüber aufhängt.
In Kommunikation mit der Galerie „Yellow“ sind in der unteren Ebene der Ausstellung die meisten Arbeiten in Gelb-Schwarz – statt üblichem Schwarzweiß – eine Korrespondenz mit Guy Jungblut und zugleich mit dem Sonnenlicht und dessen Schatten. In den Arbeiten von Jacques Lizène kann man diesen vielseitigen Menschen wiederfinden, der charmant und provokativ zugleich war und ein Schatz, für den, der hinschauen mag.
Die Ausstellung ist museal und dauert noch bis zum 18. April. Echt sehenswert, vor allem für Kunstliebhaber. Und gut zu kombinieren mit einem Ausflug nach Limburg, vielleicht dem römischen, von Asterix geprägten Tongeren?
Kontakt:
Galerie Nadja Vilenne, 5 rue Cdt. Marchand, B-4000 Liege, www.nadjavilenne.com







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