Jahresempfang in Brüssel ganz im Zeichen des 80-jährigen Landesjubiläums
Von Thomas A. Friedrich
Über acht Jahrzehnte liegen die Verbrechen im Namen des deutschen Volkes und der NS-Diktatur verübten Verbrechen zurück. Weite Teile Europas waren damals unter Schutt und Asche begraben – auch viele Städte und Gemeinden des heutigen Bundeslandes Hessen. Damals, als viele Orte in Trümmern lagen, sei ein guter Neuanfang gelungen. Daran erinnerte der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) zu Beginn beim Jahresempfang in der hessischen EU-Vertretung, die im Zeichen des 80-jährigen Bestehens des Bundeslandes stand.
Der in der amerikanischen Besatzungszone aus den ehemaligen preußischen Provinzen Kurhessen und Nassau sowie dem Volksstaat Hessen am 19. September 1945 entstandene Staat „Groß-Hessen“ erhielt als erstes westliches Nachkriegsland 1946 eine neue demokratische Verfassung. Sie wurde per Volksabstimmung angenommen und begründete das heutige Land Hessen. Dies habe als Grundlage für eine echte hessische Erfolgsgeschichte gedient, sagte Rhein in seiner gut halbstündigen Ansprache beim Jahresempfang.
Hessen verdankt seine Erfolgsgeschichte der europäischen Integration
„Die Erfolgsgeschichte Hessens, mitten in Deutschland gelegen, ist eng verbunden mit der Europäischen Integration. Wir sind in der Tat eine Herzkammer von Europa. Europa war und ist immer für uns Hessen ein machtvolles Versprechen auf eine gute Zukunft“, erklärte der Ministerpräsident. Es sei ein Versprechen von Frieden, von Wohlstand und ein Versprechen von Sicherheit. Vor allem sei es ein Versprechen auf Freiheit.
Schon der erste Ministerpräsident des Landes, der parteilose Jurist Karl Geiler, habe die europäische Dimension als Vision deutlich im Blick gehabt und als Ziel proklamiert mit den Worten „Hessen zu einem lebendigen und wertvollen Glied eines neuen und friedlichen geeinten Europas zu machen”.
Die Gründung des hessischen “Mehr-Regionen Hauses” in Brüssel mit den Partnerregionen Nouvelle-Aquitaine (Frankreich), Emilia-Romagna (Italien), Wielkopolska (Polen), so der CDU-Politiker, werde dem hessischen Anspruch nach dem Zweiten Weltkrieg gerecht, „Brücken zu seinen Nachbarn bauen“ zu wollen.
Hessen verbindet und ist eine Drehscheibe für Mobilität
„Hessen ist eine Drehscheibe – was uns besonders auszeichnet – für Mobilität mit dem Frankfurter Flughafen und dem größten europäischen Verkehrsknotenpunkt auf der Straße und der Schiene“, sagte Rhein. Hessen verbinde aber über den europäischen Rahmen hinaus auch nach innen, denn ein Drittel der hessischen Bevölkerung habe eine Einwanderungsgeschichte. Viele Bürgerinnen und Bürger wiesen diese Einwanderungsgeschichte als Folge von Flucht und Vertreibung auf. Das Land Hessen mit seinen sechs Millionen Einwohnern mache, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, heute das fünftgrößte Land Europas aus. Diese Stärke sei ohne die vielen Vertriebenen im Lande nicht denkbar gewesen. „Wir sind ein Land mit sehr starken Wurzeln und Weltoffenheit, und darauf sind wir stolz”, so der hessische Ministerpräsident.
Rhein: „Europa darf kein Regulierungs-Weltmeister sein“
Europa berge, so fuhr Rhein fort, einerseits Hoffnung, bringe andererseits aber auch Frust für deutsche Unternehmen mit sich. In der EU-Hauptstadt legte der Wiesbadener Regierungschef daher an diesem Dienstagabend auch die Finger in die Wunden der Brüsseler Regulierung-Maschinerie. Die Europäische Union werde aus Sicht vieler Unternehmen zuerst mit Formularen und Vorgaben in Verbindung gebracht.
Es sei ein Gefühl entstanden, so bemängelte Rhein, dass „über uns entschieden, aber nicht mit uns entschieden“ werde. Das Fehlen einer partizipatorischen Teilhabe sei nicht hinnehmbar, weil es die ureigene Idee von Europa beschädige. „Europa darf kein Regulierungs-Weltmeister sein. Europa muss ein Innovations-Weltmeister sein“, sagte der Regierungschef. Europa müsse ein Ermöglicher von Freiheit und Chancen für Bürger und Unternehmen gleichermaßen darstellen. Das Fazit Rheins lautete dementsprechend: „Wir müssen auf allen Ebenen Bürokratie abbauen“.
Frankfurt stellt aus Sicht Indiens dass „Gateway to Europe“ dar
Der erste deutsche Deregulierungsminister, Europaminister Manfred Pentz, schlug in die gleiche Kerbe und sagte: „Unser Ministerpräsident spricht zu Recht vom `Powerhouse Hessen`. Das wird in Europa und international auch so wahrgenommen.“
Beim jüngsten Besuch mit einer großen Wirtschaftsdelegation in Indien sei deutlich geworden, dass man Brüssel zwar kenne, aber Frankfurt unter den indischen Akteuren als „Gateway to Europe“ angesehen werde. „Und Hessen ist das Powerhouse Deutschlands in Europa“, führte der Europaminister voller Stolz aus.
Pentz unterstrich die Bedeutung von Freihandel und internationaler Partnerschaft für den Erhalt von Wettbewerbsfähigkeit, wirtschaftlichen Erfolg und Erhalt des Wohlstands in Hessen und Deutschland. Dabei sei es ebenso wichtig, auch mit den Verbündeten auf der anderen Seite des Atlantiks in engem Kontakt zu bleiben. In 14 Tagen reise daher Ministerpräsident Boris Rhein mit einer Wirtschaftsdelegation in die Vereinigten Staaten. „Wir bauen zugleich wirtschaftliche Brücken nach Indien, nach Südkorea, Ostafrika und gemeinsam mit den Vereinigten Staaten“, sagte Pentz.
Hessen tritt an, De-Industrialisierung gezielt entgegen zu wirken
Mit den Stärken des hessischen Wirtschaftsstandortes hielt Boris Rhein selbstbewusst nicht hinter dem Berg: Hessen wolle und werde dazu beitragen, dass Wachstum und Nachhaltigkeit als zwei Seiten einer Münze für die Zukunft sich rechneten. „Es ist unsere Aufgabe für die Zukunft, mit den hessischen Stärken von Finanzmarkt und Flugverkehrswirtschaft, digitaler Infrastruktur, einer starken Chemie- und Pharmaindustriebranche sowie den Sparten Maschinenbau und Automotive sowie Biotechnologie und Künstliche Intelligenz einschließlich innovativer Wissenschaft und mit starken Hochschulstandorten einer De-Industrialisierung Deutschlands gezielt entgegenzuwirken,“ unterstrich der ehemalige Wissenschaftsminister Rhein.
Trotz mancher Kritik sparte Rhein nicht mit Lob für jüngste Entscheidungen der von der Leyen-Kommission
Hessens Ministerpräsident hatte aber nicht nur Kritik im Tornister bei seinem Auftritt in Brüssel. Seinen besonderen Dank stattete Rhein ausdrücklich der EU-Kommission ab, die just am Tag des hessischen Jahresempfanges in Brüssel die Beihilfen des Bundes, des Landes Hessen und der Stadt Frankfurt für Europas einzige Insulin-Produktionsstätte in Frankfurt genehmigt hatte. „Dabei reden wir von einer Gesamtinvestition von zwei Milliarden Euro“, erläuterte Rhein. Und damit nicht genug. Seit 2024 wurden in Hessen Großinvestitionen im Umfang von 25 Milliarden Euro angekündigt. Die Projekte befänden sich bereits in der Umsetzung, sagte Rhein und rühmte die hessische Industriepolitik.
Hessischer Löwe brüllt in Blau – Weltbester Weißwein kommt aus Hessen
Grund genug, das 80-jährige Landes-Jubiläum auch in Brüssel gebührend zu feiern mit Musik, hessischen kulinarischen Köstlichkeiten, dem „weltbesten Weißwein“ (Europaminister Pentz) sowie großzügiger Gastfreundschaft in der hessischen Zentrale in der Rue Montoyer nahe dem Europäischen Parlament. Dass die mehreren hundert geladenen Gäste es sich nicht nehmen ließen, nach den ersten Canapés und Fingerfood im großen Veranstaltungssaal im 1. Stock auch auf der achten Etage der Hessen-Dependance auf der einmaligen Dachterrasse – gegen Wind und Wetter geschützt – ausgelassen zu feiern bis fast Mitternacht, spricht für die hessische Gastfreundschaft.
Dafür sorgte an diesem Abend das vielköpfige, bewährte Team unter dem Leiter der Vertretung des Landes Hessen bei der Europäischen Union, Thomas Eckert, im Zusammenspiel mit der persönlichen Referentin des Ministerpräsidenten, Janna Melzer. Dass der Veranstaltungsbeginn sich um fast 20 Minuten verzögerte, ist dem Umstand geschuldet, dass Boris Rhein es sich nicht nehmen ließ, bei Ankunft im Saal gut 50 anwesende Landtagsabgeordnete, Vertreter der beteiligten hessischen Sponsoren sowie der Landes-Pressekonferenz persönlich per Handschlag zu begrüßen.
„Das Beste, was einer Traube passieren kann, ist es, hessischer Wein zu werden“. Mit diesem Satz eröffnete der Ministerpräsident nach den Festreden den feuchtfröhlichen Abend, der sich bis spät in die Nacht hinzog.
Das Jubiläum wartete mit den anwesenden Winzern nicht nur mit einem Jubiläumscuvée hessischer Staatsweingüter auf, sondern auch mit einer neuen farblichen Corporate Identity. „Der hessische Löwe brüllt nun in geschichtlicher Tradition wieder in Blau“ erklärte Rhein im Gespräch mit BelgienInfo die Abkehr von den bisher vornehmlich in rot-weiß präsentierten Landesfarben. Niemand musste das Fest ohne Kopfschmuck verlassen – ganz nach persönlicher Vorliebe in Rot oder Blau. Baseball-Mützen (Made in China) mit dem Aufdruck Hessen machen den Abend zum unvergesslichen Erlebnis an der Landesvertretungs-Meile Rue Montoyer. In direkter Nachbarschaft befinden sich dort auch die Vertretungen von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.
Fotos: Thomas Friedrich








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