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Leben wie Hunde in Belgien

Belgien ist ein durch und durch familienfreundliches Land 

Von Thomas A. Friedrich

Das Sprichwort für Lebensqualität „Leben wie Gott in Frankreich“ lässt sich im Land von René Magritte und Paul Delvaux übersetzen mit „Leben wie Hunde in Belgien“. Belgier lieben Kinder und Haustiere über alles. Zu einer glücklichen belgischen Familie gehören eben auch Hunde und Katzen.

Kurz nach meiner Ankunft in Belgien vor über zwei Jahrzehnten drehte ich gerne frühmorgens 20 große Runden im Parc du Cinquantenaire. Bei einer Verschnaufpause traf ich damals auf eine Frau mit fünf angeleinten Hunden – mit zwei Händen gezügelt. Neugierig fragte ich sie: „Führen Sie auch die Hunde Ihrer Nachbarn aus?“ „Wieso das denn? Die gehören alle zu mir“, lautete die prompte, für mich verblüffende Replik.  

Strandverbot für Hunde noch die Ausnahme an belgischer Küste

Inzwischen weiß ich die Dimension belgischer Tierliebe besser einzuordnen. So wie ich es an diesem Wochenende beim „Zomer 2026 in Mariakerke“ am Strand von Westflandern erleben durfte. 

Die ehemals unabhängige Gemeinde fand erstmals historische Erwähnung 1171 als „Sinte Mariä Capella“ , wie mir der pensionierte Heimatforscher Mars Casier an der Zeedijk auf der Terrasse des Restaurant „Strandhuis“ erzählt. Heute ist Mariakerke Teil von Ostende und bietet, westlich gelegen, einen ganz besonders gepflegten kilometerlangen Badestrand. Es ist hier weniger überlaufen als vor der Casino-Stadt. Vor allem gilt dort, als Ausnahme an der 68 Kilometer langen Küste Flanderns, am Strand ein Hundeverbot. Während der “Reddingsdienst” tagsüber die Badefreuden von Kind und Kegel überwacht, haben die vierbeinigen Lieblinge am Strand nix verloren.  

Parken für 29 Cent die Stunde – wo gibt´s denn so etwas ?

Aankomst“ am Nieuwpoortsesteenweg – die erste Überraschung: nach dem Auffinden eines regulären Parkplatzes entlang der Gleise der Kusttram spielt der Parkautomat auf Anhieb nicht mit. Meine deutsche Bankkarte will der grüne Automat nicht akzeptieren. Obwohl wir uns nun mit einer einheitlichen Euro-Währung glücklich schätzen dürfen, stößt die Single European Payment Area (SEPA), zu deutsch “Einheitlicher Euro-Zahlungsverkehrsraum” – für uns EU-Bürger immer wieder an Grenze (in Aachen gab dieses Parkhaus-Bezahl-Problem früher auch – ist aber schon länger gelöst). 

Mit der Kreditkarte funktioniert es dann doch. Nach Eingabe des Kennzeichens des Fahrzeugs kann ich, ohne ausgedruckten Parkschein, bis zu vier Stunden für eine Gebühr von drei Euro parken. Ja, wo gibt’s denn sowas noch? Ein sensationeller Niedrigpreis im Vergleich zu Brüssel oder auch Ostende-Centrum. 

Mit duftendem Cappuccino in der Nase kühlt Nordseewind Haut und Gemüt 

Zeit für einen Cappuccino. Denn meine beiden Enkelkinder aus Köln sind noch nicht angekommen. Nach den auf der Autobahn E40 in Höhe von Oostkamp mit dem Außentemperatur-Fühler unseres Fahrzeugs gemessenen 38 Grad Celsius erfrischt mir der Nordseewind angenehm die Haut – und lässt Hasardeure unter den Autofahrern im 20 Kilometer langen Stop and Go in Richtung Küste schlagartig vergessen.

Unter farbigen Sonnenschirmen an der Zeedijk mit Blick aufs Meer mischen sich Einheimische und Strandurlauber mit Buggys und Kinderwagen. Zwei ältere Damen am Nebentisch delektieren sich an einem “Kriek Framboise Bier” und “Bruisend Spa”-Wasser. 

Eine der beiden Damen greift in den am Tisch stehenden Kinderwagen und holt ihr vierbeiniges „Baby“ hervor. Ein drolliger rot-weißer Spitz darf auf ihrem Schoß Platz nehmen. „Minnike“ heißt der kleine Knäuel. Nun bekommt er Wasser aus einem mitgebrachten grünen Plastikschälchen auf dem Tisch.

Dass an Belgiens Stränden vermeintliche Kinderwagen und Buggies inzwischen in Wahrheit Hunde-Carrier sind, war mir bereits im Juli bei meinem ersten Besuch am Strand von De Panne aufgefallen.

Im Juli und August dürfen Hunde erst ab 20 Uhr ihre Runden am Strand drehen

Vis-à-vis unserer gemeinsamen Café-Terrasse an der Treppe zum Strand kommt mir ein bis dato nicht bekanntes Schild in den Blick: ein viereckiges Verbotsschild mit einem Hund rot umrandet und mit diagonalem roten Balken.

Das Hundeverbotsgebot lautet: „Honden wel toegelaten van 18.30 tot 10.00 uur”. Und im „Juli & Augustus van 20.00 uur“ – dann dürfen Hunde erst ab 20 Uhr mit Frauchen und Herrchen Runden am Strand drehen. 

Tagsüber flanieren die vom Strand verbannten Vierbeiner brav angeleint an der Strandpromenade, sitzen mit ihren Haltern im Café auf der Terrasse und im Restaurant – drinnen gerne auch mit auf dem Stuhl, unterm Tisch gekuschelt oder auch am Tischbein beziehungsweise bei Frauchen am Fuß angedockt.

Immer mehr Hunde und immer weniger Kinder in Belgien anzutreffen

Dass immer mehr Hunde-Wägelchen im öffentlichen Stadtbild in Belgien erscheinen und immer weniger wirkliche Kinderwagen anzutreffen sind, macht sich inzwischen auch statistisch fest, wie die belgische Statistikbehörde Statbel offiziell belegt.

Belgiens Geburtenrate ist demnach seit Jahren rückläufig. 2025 wurden nach offiziellen Angaben exakt 108.033 Kinder im Land geboren. Dem stehen 112.900 Sterbefälle gegenüber. Das Bevölkerungswachstum wird allein durch Zuwanderung getragen. Damit verharrt die absolute Geburtenzahl auf einem historisch niedrigen Niveau, nahe dem Tiefpunkt der Jahre um 1942.

Ganz anders verläuft die Entwicklung bei den vierbeinigen Familienmitgliedern. Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der Haustiere in Belgien kontinuierlich gewachsen. Etwa 60 Prozent der belgischen Haushalte besitzen heute mindestens ein Haustier, wobei Katzen mit rund 3,08 Millionen Exemplaren und Hunde mit rund 2,05 Millionen Tieren die beliebtesten Begleiter sind. Ein besonders starker Zuwachs zeigte sich während der Corona-Pandemie. Und seitdem geht es mit der Anzahl Vierbeiner weiter aufwärts.

Vor allem die Zahl der Hunde hat in den vergangenen Jahren in Belgien einen deutlichen Aufschwung erlebt. Die “Besitzerquote” stieg von rund 24 Prozent im Jahr 2021 auf über 31 Prozent in jüngerer Zeit. Vierbeiner werden – typisch belgisch – vermehrt als vollwertige Familienmitglieder umfassend integriert.

Haustiere haben sich zu einem Milliardengeschäft gemausert

Die Haustierhaltung hat sich europaweit und auch in Belgien zu einem erheblichen Wirtschaftsfaktor entwickelt. Neueste Zahlen der belgischen BEPEFA-Studie (von April 2025) sowie der europäischen Heimtierfutter-Organisation FEDIAF liefern Einblicke in Konsumverhalten, Kaufpräferenzen und allgemeine Marktentwicklungen.

Rund 6 von 10 Haushalten in Belgien halten zumindest ein Heimtier. Pro haustierhaltenden Haushalt werden im Schnitt drei Tiere gezählt. Die Belgierinnen und Belgier ließen sich diese Tierliebe 2025 etwa 3,5 Milliarden Euro kosten. Die Heimtierbranche wächst Jahr für Jahr. Durchschnittlich geben belgische Tierhalter monatlich 122 Euro pro Haustier aus. Junge kinderlose Menschen greifen für ihre Tierliebe noch tiefer in die Tasche. 47 Prozent der Befragten sind bereit, für nachhaltiges Futter mehr zu bezahlen. Eine Besonderheit in Belgien: 16 Prozent geben an, dass sie ihr Tier mit ins Büro bringen dürfen, und 12 Prozent tun dies täglich.

Wie viele Hunde leben wirklich in Belgien ohne Hundesteuer-Veranlagung?

Laut der Umfrage unter 2.500 Belgiern – eine hohe Repräsentativität – leben in Belgien 1,6 Millionen Hunde. Die Zahl der Katzen ging hingegen um drei Prozent auf 2,3 Millionen zurück. Gibt es in Brüssel eine Hundesteuer? Nein, in der Region Brüssel-Hauptstadt gibt es keine Hundesteuer. Keine einzige der 19 Brüsseler Gemeinden (zum Beispiel Brüssel-Stadt, Ixelles, Anderlecht oder Uccle) erhebt eine solche Abgabe. Es fallen für Hundehalter in Brüssel jedoch andere Kosten und Pflichten an. Bei der obligatorischen Registrierung und dem Chippen des Hundes über die Datenbank dogID wird eine einmalige behördliche kommunale Abgabe von zehn bis zwölf Euro fällig. Das Einsetzen eines Chips beim Tierarzt kostet dagegen zwischen 70 und 120 Euro.

Aber es gibt auch Ausnahmen. Einzelne Gemeinden in Teilen der Deutschsprachigen Gemeinschaft wie Eupen oder St. Vith und auch einige Gemeinden in Flandern und der Wallonie erheben weiterhin eine moderate jährliche Hundesteuer. Im Südteil Belgiens kann sie zwischen 15 und 30 Euro jährlich betragen. Damit werden lokale Einrichtungen wie Hundekotstationen oder Tierheime finanziert.

Im Land von Magritte muten offizielle Statistiken bisweilen surreal an

In der offiziellen Tier-Datenbank dogID waren im Jahr 2025 in der Region Brüssel offiziell rund 88.400 Hunde registriert. Die Dunkelziffer nicht gemeldeter Tiere liegt aber offenbar deutlich höher. 

Wieviel Hundekot fällt jährlich in Brüssel an und muss entsorgt werden? Auf der Basis von 88.400 amtlich gemeldeten Vierbeinern in der gesamten Region Brüssel-Hauptstadt fallen jährlich nach Schätzungen der Verwaltung rund 6.000 bis 6.500 Tonnen Hundekot an.  Diese Zahl basiere auf den offiziellen Registrierungsdaten  der erfassten Hundepopulation und biologischen Durchschnittswerte, heißt es im Amtsbelgisch.

Da stellt sich dem unvoreingenommenen Beobachter und Katzenfreund an Belgiens Stränden als Autor dieser tierischen Betrachtung eine Frage: Wenn denn in Brüssel, der einzigen Millionenstadt Belgiens, gerade einmal 88.400 Hunde leben, halten sich dann alle anderen 1,5 Millionen in Belgien auf dem Land auf? Schön wär`s für die geliebten Vierbeiner, viel Auslauf und artgerechte Haltung genießen zu können.

Doch mir fehlt da als „Brusseleir“ der Glaube an die Zähl- und Lesart. Zunächst schlage ich mir mal an die eigene Brust: Viele der Expats in Brüssel mit einer Verweildauer von häufig drei bis fünf Jahren melden ihre „Viecher“ schon mal eher selten an, weil sie sich  im Besitz eines gelben international gültigen Impfausweises für ihren vierbeinigen Liebsten wähnen.

Belgische Gesetzgebung kennt dennoch Grenzen der Großzügigkeit

Aber da fällt mir wieder die Hundehalterin aus dem Cinquantenaire-Park vor etlichen Jahren ein. Warum hatte sie eigentlich „nur fünf“ Hunde bei sich? Die Antwort und Erklärung bietet der belgische Amtsschimmel: Wer in der Region Brüssel mehr als fünf Hunde (oder Katzen) gleichzeitig hält, benötigt ab dem sechsten Tier eine offizielle Umweltgenehmigung, genannt “permis d‘ environnement” und im Detail hier nachzulesen: Umweltgenehmigung (Permis d’environnement)von Bruxelles Environnement.

Wie pudelwohl sich Hunde in Belgien fühlen können, durften wir am Abend im Restaurant „Blauwe Sluis“ unweit der Küste erleben. Der Zwergpudel des Hauses schwänzelte auf der Terrasse, an jedem Tisch der Besucher entlang – ohne aufdringlich zu werden! Offenbar wird dem kleinen Liebling der Chefin nur das Beste im Napf geboten. Auch Zweibeiner erfreuen sich im Laufe des Abends einer Gewissheit: Die Qualität des Menüs auf den Tischen darf ebenfalls als ein gastronomischer Geheimtipp im flämischen Polderland gehandelt werden.

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