
Von Thomas A. Friedrich (auch Fotos)
Die Hoffnung auf ein neuerliches Sommermärchen blieb aus. Es lag sicher nicht an der Equipe von Bodo Lehmann. Das Team des Leiters des baden-württembergischen Landesvertretung hatte keine Mühen gescheut, das traditionelle Sommerfest – in diesem Jahr als sommerliches Weinfest ausgewiesen – zum Erfolg zu führen.
Die Vertretung an der Rue Belliard hatte ihre beste Stube in diesem Jahr in nie gekannter Manier zur Fussball-Weltmeisterschaft-Lounge umgestaltet – mit großformatigen Flatscreens in zwei Räumen. Die um weite Teile des ehemaligen Goethe-Instituts vergrößerte Repräsentanz von „The Länd“ war genial vorbereitet.
Das Ambiente für den Einzug von „Die Mannschaft“ ins Achtelfinale der WM 2026 schien am Montagabend perfekt zu stimmen – mit Lounge Sesseln, Cocktailbar und orangefarbenen Apero-Angebot. Und ein standesgemäßer Sieg gegen den vermeintlichen südamerikanischen Außenseiter Paraguay schien eine ausgemachte Sache zu sein.
Dass der neue Minsterpräsident Cem Özdemir, als Nachfolger von Winfried Kretschmann sein „Come Back“ in Brüssel als ehemaliger EU-Parlamentarier bei dieser Gelegenheit noch verpatzte, nahm unter den rund 300 geladenen Gästen niemand wirklich übel.
Brüsseler Fußball-Lounge unter Palmen
Im Brüsseler Sommer 2026 – nach einer Woche unerträglicher Hitze – war der nit Palmen verzierte Innenhof mit viel Grün und Jazz-Band „the Place to be“. Ein erfrischender Wind ließ den Abend zu Beginn bei köstlichen Weinen des Staatsweingutes Weinsberg und Bier aus dem Hochschwarzwald in der Aufwärmphase der deutschen Nationalmannschaft für die Fans in der baden-württembergischen Fanmeile unvergleichlich werden.
Der Chronist dieser BaWü-Fußballnacht hatte keine Mühen gescheut, nach zehn Tagen in der griechischen Ägäis seinen Rückflug von Athen um einen Tag vorzuverlegen. Trotz halbstündiger Verspätung des Fliegers bei Ankunft in Zaventem erreichte ich nach Abwurf meines Strandgepäcks in meiner Wohnung am Square Ambiorix mit dem Bus der Linie 21 immerhin um 21 Uhr die angesagtesten Location im Europa-Viertel – rechtzeitig. Dass dieser Tag auch an der Rue Belliard zum Waterloo für die Kicker von Julian Nagelsmann werden könnte? Völlig ausgeschlossen.
Bis zum Anpfiff um 22.30 Uhr delektierten sich die Gäste an den bisher nicht gesehenen „Food Stations“. Bei Kartoffelsalat, Maultaschen und veganen Köstlichkeiten schien – anstatt des traditionell klassischen überbordenden schwäbischen Buffets – irgendwie der neue Ministerpräsident und ehemalige Bundeslandwirtschaftminister trotz Abwesenheit Regie zu führen.
Was haben Günther Oettinger und Manual Neuer gemeinsam?
Die neu aufgemischte Stuttgarter Landesregierung glänzte an diesem Abend weitgehend durch Abwesenheit. Doch erprobte Europa-Politiker wie der frühere EU-Kommissar Günther Oettinger ließen ebenso wie der „Oldie“ Manuel Neuer im Tor der deutschen Mannschaft einen Hauch von Vertrautheit in der Vertretung aufkommen.
Dass der Abend im Beisein der badischen Weinprinzessin Hanna eine derart frustrierende Wende für die mit deutschen Trikots und schwarz-rot-gelben Girlanden geschmückten Fans nehmen würde, schien ausgeschlossen. Waren nicht die Erwartungen aller deutschen Fußballfans in Belgien, Deutschland sowie aller Expats wo auch immer seit WM-Beginn ganz bescheiden mit der Erwartung „zumindest Einzug ins Finale“ apostrophiert?
Ob der geplatzte Traum von einer Wiederholung des Sommermärchen am nicht anerkannten Treffer von Jonathan Tah oder den vergebenen Elfmetern der deutschen Kantonisten nach Verlängerung festzumachen ist, das überlasse ich den professionellen sportlichen Kommentatoren.
Depressionen am Tag danach
Diese analysierten, kommentierten, erklärten und spekulierten am Tag danach unablässig über Konsequenzen nach dem desaströsen Aus der deutschen Mannschaft im ersten KO-Spiel.
Die einzige Gewissheit schon jetzt: Manuel Neuer erklärte im ZDF noch am Abend des Debakels, dass dies sein letztes Spiel im Trikot der Nationalmannschaft gewesen sei.
Ob es zur Ablösung des Coach kommt, war für die bis zuletzt ausharrenden Gäste und deprimierteren Fußball-Fans eine ausgemachte Sache. Einer von beiden Jürgen soll es übernehmen, lautete die einhellige Meinung in der nächtliche Spät-Lese an der Rue Belliard.
Jürgen oder Jürgen?
Der Schwabe Jürgen Klinsmann wäre für das Ländle vielleicht ein Prestige-Gewinn. Doch die Mehrheit der letzten erschütterten Getreuen mit einem letzten Glas Bier in der Hand waren sich einig, dass dies doch der Erfolgscoach Jürgen Klopp mit Blick auf die am Horizont aufkommende Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2028 sein sollte.
Das Wein-Sommerfest Baden-Württemberg 2026 war ohne Zweifel ein Erfolg. Das Rahmenprogramm auf den Flatscreens war es sicher nicht. Dass Italien zum zweiten Mal sich bei der Königsklasse nicht qualifizieren konnte, bleibt ein schwacher Trost.
Jetzt gilt es mit den Roten Teufeln zu fiebern
Aber jetzt schlägt das Herz der in Brüssel und Belgien beheimateten deutschen Expats wohl für die belgischen „Diables Rouges“ oder “Rode Duivels”. Die Farben des belgischen Nationalflagge spiegeln die deutsche Farben wider, wenn auch in vertikaler und unterschiedlicher Anordnung.
Das Fußball-Sommerfest geht daher weiter in Brüssel und kann uns alle noch versöhnen. Mein Fazit: Die Weisheit des ersten (west-)deutschen Nationaltrainers Sepp Herberger: „Das Leder ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten und manchmal auch länger“. Es geht also weiter, so oder so.







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