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„Wir sind Oper“ – wilder Ritt durch die weite Welt des Musiktheaters

Monnaie Bruxelles | Foto: © Belgin Kilic

Mehr Vorstellungen, mehr Öffnung zur Welt und viel mehr Frauen am Dirigentenpult – all das und noch viel mehr bietet die Brüsseler „La Monnaie/De Munt“ in der kommenden Saison 2026/27.

Von Hajo Friedrich

Wie ein Jungbrunnen wirkt bereits ein Blick auf das reichhaltige Angebot der weit über Belgien hinaus anerkannten Kultureinrichtung. Es soll offensichtlich ganz bewusst über tradierte Erwartungen an „die Oper“ hinausgehen. So wird “La Monnaie/De Munt” 72 minutiös geplante Vorstellungen, davon neun Opern, anbieten – 13 mehr als in der noch laufenden Spielzeit.

So werde zum Beispiel kein Veranstaltungsort in Belgien so viele Aufführungen hochkarätiger Tanzensembles aufwarten wie das – zu Unrecht – oftmals bloß „Opernhaus“ genannte „Théatre de la Monnaie“, sagte die neue Intendantin Christina Scheppelmann (https://belgieninfo.net/die-flut-hebt-oder-senkt-alle-boote-zusammen/) am vergangenen Freitag (10. April) anlässlich der Vorstellung des neuen Programms.
Die Oper „Romeo und Julia“ von Charles Gounod bildet Ende September und im Oktober den Auftakt der kommenden Saison. Die Italienerin Valentina Peleggi feiert dabei ihr Debüt am Monnaie-Dirigentenpult. Regie führt die in Tokio geborene und international tätige deutsche Diplomatentochter Julia Burbach.

„Es muß was Schönes seyn um die Tugend…“ (G. Büchner)

Im November folgt dann die Oper Wozzeck“ von Alban Berg – das Libretto beruht auf dem Dramenfragment „Woyzeck“ des deutschen Dramatikers Georg Büchner. Monnaie-Chefdirigent Alain Altinoglou wird die Oper zum ersten Mal in seiner Karriere dirigieren, wie er in Brüssel anlässlich der Saison-Präsentation sagte. Die Regie führt der Monnaie-erfahrene, belgische Allround-Künstler Christophe Coppens.

Im Dezember läuft „La Cenerentola“ von Gioachino Rossini mit der Italienerin Speranza Scapucci und Stefano Sarzani – abwechselnd – am Dirigentenpult. Regie führt der Amerikaner Daniel Kramer, der 2016 zum Künstlerischen Leiter der bis dahin krisengeschüttelten English National Opera ernannt wurde.

„Musik aktiviert, was in tieferen Schichten liegt“

In der Kammeroper „Lucidity“ (deutsch: Klarheit) der Amerikanerin Laura Kaminsky geht es um das Thema Musik und Gedächtnis. Im Mittelpunkt des psychologischen Dramas – das Libretto schrieb der ehemalige amerikanische Theaterkritiker David Cote – steht die einst gefeierte Komponistin Lili, die an Demenz leidet. Das Stück sucht Antworten auf die Frage, warum Musik einen so tiefgreifenden Einfluss auf die Pflege von Menschen mit Alzheimer oder anderen Demenzerkrankungen hat.

Die Kammeroper mit fünf Instrumenten und vier Sängern wurde zuerst 2024 in New York aufgeführt und feiert im Januar 2027 belgische Premiere. In Brüssel dirigiert sie der in Verviers geborene Belgier Patrick Leterme. Die Regie führt die Britin Mathilda Du Tillieul McNicol. Sie inszeniert gerade „Die Hochzeit des Figaro“ von Mozart in der Opéra National du Rhin in Straßburg.

Die europäische Erstaufführung von „Lucidity“ fand kürzlich im Theater Regensburg statt. Dort lesen wir im Programmheft: „In dieser Oper sehen wir, wie Musik in Momenten familiärer Trauer als Therapieform dient und als Kanal für Freude fungiert, der unsere frühesten Erinnerungen daran, wer wir sind, freisetzt“. Lilis musikalische Erinnerung liegt besonders stark auf Franz Schuberts Lied „Der Hirt auf dem Felsen“.

Richard Strauss‘ „Ariadne auf Naxos“ mit dem Libretto von Hugo von Hofmannsthal steht Ende Januar und im Februar 2027 auf dem Programm. Es dirigiert Ariane Matiakh. Die Französin ist seit 2022 Chefdirigentin der Württembergischen Philharmonie Reutlingen. Regie dieser Koproduktion mit der polnischen Nationaloper Teatr Wielki in Warschau führt der Pole Mariusz Trelinski.

Wiederaufnahme erfolgreicher „Macho-Opern“

Mit „Cavalleria Rusticana“ (Sizilianische Bauernehre) von Pietro Mascagni und „Pagliacci“ (auf Deutsch: Clowns oder Bajazzos) von Ruggero Leoncavallo biete die Monnaie im März kommenden Jahres – salopp gesagt – zwei „Macho-Opern“, so Intendantin Christina Scheppelmann. „Cav/Pag“ gilt als das berühmteste Doppelkonzert der Operngeschichte. Es spielt im ländlichen Italien und handelt – welch Wunder – von Eifersucht, Betrug und Mord.

Regisseur Damiano Michieletto knüpft dabei an seiner eindrucksvollen Inszenierung von 2018 an. Am Dirigentenpult feiert Alevtina Ioffe ihr Debüt in der Monnaie. Seit der laufenden Spielzeit ist die gebürtige Moskauerin Chefdirigentin der Oper Bern.

Diplomaten und ihre Affären

„M. Butterfly“ des chinesisch-amerikanischen Komponisten, Pianisten und Sängers Huang Ruo mit einem Libretto des amerikanischen Schriftstellers David Henry Hwang feiert im April kommenden Jahres europäische Premiere. Das Stück basiert auf einer realen Begebenheit in China aus der Zeit von Mao Tse-tung. Damals hatte sich ein französischer Diplomat auf eine leidenschaftliche und langjährige Affäre mit einer chinesischen Opernsängerin eingelassen. Beide wurden verhaftet. Vor Gericht kam heraus, dass die vermeintliche Geliebte nicht nur ein Mann in Frauenkleidern, sondern auch ein Spion der chinesischen Regierung war.

Kapellmeisterin der Monnaie-Aufführung im kommenden Jahr ist die in Taipeh geboren Amerikanerin Carolyn Kuan. Regie führt der polnisch-belgische Dramaturg und Librettist Krystian Lada. Er leitet in Brüssel „The Airport Society“, die im Rahmen unkonventioneller Projekte Oper und soziales Engagement verbindet. Bekannt wurde der Stoff von „M. Butterfly“ auch 1993 in der gleichnamigen Verfilmung von David Cronenberg mit den Schauspielern Jeremy Irons und John Lone.

 Southeast Asian meets Western Music

An die „Tage in Burma“ von George Orwell knüpft die Kammeroper „Burmese Days“ des thailändisch-britischen Komponisten und Pianisten Prach Boondiskulchol und der in Hong Kong geborenen britischen Librettistin Sarah Howe an. Orwells 1934 erschienenes Erstlingswerk spielt in Burma (dem heutigen Myanmar) in einem „Europeans-only clubhouse“. Die Oper, die im Juni 2027 Weltpremiere in der Monnaie feiert, erzählt diesen Teil der britischen Kolonialgeschichte aus südostasiatischer Perspektive. Spannend wird sein, wie nicht nur westliche und östliche Denkweisen, sondern auch Musiken aufeinandertreffen. So werden erstmals auch thailändische Musiker in der Monnaie auftreten. Der Ticketverkauf für die vier geplanten Aufführungen in Brüssel beginnt bereit am 28. August dieses Jahres.

Einer der Höhepunkte im Programm dürfte die Oper „Boris Godunov“ des russischen Komponisten Modest Mussorgski sein. Die Koproduktion mit der Opéra National de Lyon wird im Juni 2027 aufgeführt und von Alain Altinoglu dirigiert – im Wechsel mit Dmitry Matvienko, dem Chefdirigenten des Symphonieorchesters im dänischen Aarhus und MM Laureate. Regie führt der gebürtige Moskauer Wassili Alexejewitsch Barchatow.

Langjährige Liebhaber der Monnaie dürften sich noch an die gefeierten Aufführungen in den achtziger Jahren und im Jahr 2006 erinnern, als der im vergangenen Februar verstorbene Belgier José van Dam die Titelrolle sang.

Von Beethoven über Wien, Spanien und Paris bis zum Brüsseler Concours Reine Elisabeth    

Weit reicht auch das Spektrum der Konzerte, welche die Monnaie unter der Federführung ihres Chefdirigenten Alain Altinoglu in der kommenden Saison anbietet. Mehrmals wird Ludwig van Beethoven Tribut gezollt. Anlass ist auch sein 200. Todestag im Jahr 2027. Es beginnt bereits am 13. September mit seiner 5. Sinfonie in c-Moll, die oftmals auch „Schicksalssinfonie“ genannt wird. Im Oktober folgen dann Komponisten aus einer Art zweiten Periode der Wiener Klassik: Anton Webern, Arnold Schönberg und Alexander von Zemlinsky. Am 28. November stehen unter dem Titel „Hispanic Waves“ spanische Komponisten wie Manuel De Falla sowie Claude Debussy im Mittelpunkt.

Paris, Paris

Dem Neujahrskonzert am 9. Januar 2027 widmet der Franzose Alain Altinoglu dem Paris der Zwanziger Jahre, also der Stadt, in der er seit langem lebt. Höhepunkt der Konzertsaison dürfte allerdings das Finale der letzten im Wettbewerb verbliebenen zwölf Sänger im prestigeträchtigen „Concours Reine Elisabeth“ sein, das Altinoglu am 20., 21. und 22. Mai 2027 im Palais des Beaux-Arts dirigieren wird.

‚Songs für alle‘ – neues Credo der Blicköffnung     

Mit einem vollkommen neuen Ansatz wird die Monnaie künftig das Lied-Programm präsentieren. „Wir müssen für alle da sein, wir sind immer auch abhängig von der Freundlichkeit von Fremden“, sagte Intendantin Scheppelmann zur grundsätzlichen Ausrichtung ihres Hauses. Sich mit dem Publikum verbinden und Emotionen freisetzen – dies solle künftig verstärkt angestrebt werden.

So werden mit interessanten, ganz unterschiedlichen Botschaften in der kommenden Saison folgende Sänger erwartet: Artist in Residence in Brüssel Jeanine De Bique, Simon Keenlyside, Lucio Gallo, Marina Viotti, Anna Prohaska, Emily D’Angelo, Freddie Ballentine, Joshua Hopkins, Niamh O’Sullivan und Kate Lindsey.

Unter der Leitung von Emmanuel Trenque singt der Frauenchor der Monnaie am 18. und 19. Dezember eine bunte Mischung von Weihnachtsliedern, die ebenfalls dem offensichtlich neuen Credo der Monnaie – der Blick- und Weltöffnung – verpflichtet sind.

Wiederauferstehung des Tanzes

Nicht zuletzt auch an den im Vergleich zu den Vorjahren vielen geplanten Tanzveranstaltungen zeigt sich das Bestreben der neuen Intendantin, das Musiktheaterangebot ihres Hauses zu verbreitern. Ein Höhepunkt bildet „Beethoven7“ unter der Choreografie der deutschen Tänzerin und Opernregisseurin Sasha Waltz. Das Stück zu Auszügen der 7. Sinfonie von Beethoven hatte vor drei Jahren Premiere im Berliner Kulturzentrum „Radialsystem“.

Im Mai kommenden Jahres tritt das Ballet du Grand Théatre de Genève in der Monnaie auf. Das in Gemeinschaftsproduktion mit vielen internationalen Ensembles entstandene Stück „IHSANE“ feierte Ende 2024 in Genf seine Premiere. Der Autor Sidi Larbi Cherkaoui, belgischer Tänzer und Choreograph flämisch-marokkanischer Abstammung, verarbeitet darin die Suche nach seinem verstorbenen Vater in Tanger. Mit dem Titel wird auch an Ihsane Jarfi erinnert, der 2012 in Lüttich Opfer von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wurde.

Auf der Bühne und in Kooperation mit dem Théatre National Wallonie-Bruxelles präsentiert die belgische Choreographin Anne Teresa De Keersmaeker Ende Januar 2027 das Stück „GLA55“. Das Tanzstück zur frühen Musik von Philipp Glass feiert seine Premiere am 19. November dieses Jahres in Berlin im Rahmen der „Performing Arts Season“ der Berliner Festspiele.

Viel mehr Infos über das gesamte, große Angebot für Jung und Alt, das Programm und die Ticketkauftermine der Monnaie sind unter folgendem Link zu finden: Saison 2026-27 | La Monnaie / De Munt

Interessenten sollten sich so früh wie möglich Tickets sichern, da viele Veranstaltungen schnell ausverkauft sind.

 

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