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Zeitzeugen-Gespräche im Museum Train World in Brüssel

Skulptur: Koenraad Tinel; Foto: privat

Von Jürgen Klute

Im Museum Train World im Bahnhof der Brüsseler Gemeinde Schaerbeek läuft derzeit die Ausstellung „Die belgischen Eisenbahnen unter der Besatzung: zwischen Kollaboration und Widerstand“. Sie wurde am 25. September 2025 eröffnet und endet am 28. Juni 2026 (siehe auch den BI-Artikel „Belgiens Eisenbahn im Zweiten Weltkrieg, zwischen Kollaboration und Widerstand“).

In Zusammenarbeit mit dem Museum hat die Deutsche Botschaft in Brüssel am 23. März einen Workshop für Schülerinnen und Schüler in dem Museum zu dieser düsteren Periode der deutsch-belgischen Geschichte veranstaltet. Wie der deutsche Botschafter in Belgien, Martin Kotthaus, Belgieninfo sagte, sind rund 200 Schülerinnen und Schüler der Einladung zu diesem Workshop gefolgt. Das Anliegen des Workshops, so Kotthaus weiter, sei es, den jungen Menschen im Gespräch mit Zeitzeugen, von denen mittlerweile nur noch wenige leben, ein Bild von der Shoa zu vermitteln und deutlich zu machen, dass sich so etwas nicht wiederholen dürfe. Dafür trage insbesondere die deutsche Seite, die die Shoa, den Mord an rund sechs Millionen jüdischen Menschen aus ganz Europa verübt hat, Verantwortung, erläuterte der Botschafter.

Bevor die beiden Zeitzeugen zu Wort gekommen sind, hat zunächst Laurence Schram, die als Historikerin an der Gedenkstätte „Kazerne Dossin – Memoriaal, museum en documentatiecentrum over Holocaust en Mensenrechten“ (Kazerne Dossin – Gedenkstätte, Museum und Dokumentationszentrum zum Thema Holocaust und Menschenrechte) in Mecheln arbeitet, an die Deportationen belgischer Juden nach Auschwitz erinnert. Die von der SS gejagten und gefangengenommenen jüdischen Belgier und Migranten wurden zunächst in die als Sammellager genutzte „Kazerne Dossin“ in Mecheln gebracht. Von dort wurden sie dann unter qualvollen Bedingungen mit Zügen nach Auschwitz transportiert. Im September 1944 wurde das Lager befreit und aufgelöst. 25274 jüdische Menschen und 354 Roma und Sinti wurden von dort nach Auschwitz deportiert. 1395 von ihnen überlebten die Shoa.

Schram ging nicht nur auf die Zeit der Besatzung ein, sondern zeichnetet auch die weitere Geschichte dieses Ortes des Schreckens nach. Zunächst wurde die Kaserne dem Verfall überlassen. Erst Ende der 1980er Jahre begann man darüber nachzudenken, aus diesem Ort ein Mahnmal zu machen. Lange wurde überlegt, ob aus der alten Kaserne ein Mahnmal oder ein Museum werden sollte. 1996 wurde dann das Museum jüdischer Deportation und jüdischen Widerstands eröffnet.

Nach dem Vortrag von Laurence Schram kamen dann zwei Zeitzeugen zu Wort: Simon Gronowski und Koenraad Tinel. Beide haben trotz ihres hohen Alters – Gronowski ist 94 Jahre alt, Tinel 92 Jahre – sehr bewegend in freier Rede über die Zeit der deutschen Besatzung berichtet.

Mit Simon Gronowski kam ein Zeitzeuge zu Wort, der zugleich für einen besonderen Bezug zum Veranstaltungsort steht. Am 19. April 1943 wurde der 20. Deportationszug von Mecheln nach Auschwitz in der Nähe von Boortmeerbeek von den Widerstandskämpfern Youra Livchitz, Robert Maistriau und Jean Franklemon gestoppt. Etwa 230 Menschen konnten aus dem Zug fliehen, darunter der damals 11-jährige Simon Gronowski. Er ist der letzte Überlebende derer, die damals der Deportation in den sicheren Tod entfliehen konnten. Die Vorbereitung und Durchführung dieses einzigen Überfalls, den es jemals auf einen Deportationszug in ein Vernichtungslager gab, hat die frühere “Spiegel”-Korrespondentin Marion Schreiber ausführlich in ihrem im Jahr 2000 erschienenen Buch „Stille Rebellen : Der Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz“ ausführlich beschrieben.

Mehrfach appellierte Gronowski an die Schülerinnen und Schüler, sich für die Demokratie einzusetzen sowie Freiheit und Menschenwürde zu verteidigen, um zu verhindern, dass es noch einmal zu einem solchen Verbrechen kommt.

Simon Gronowski (l) und Joenraad Tinel (r); Foto: J. Klute

Koenraad Tinel, heute zugleich ein bedeutender belgischer Künstler, ist ebenfalls ein besonderer Zeitzeuge mit einem inhaltlichen Bezug zu der gegenwärtigen Ausstellung in der Train World. Tinel ist Flame; seine Eltern waren flämische Nazi-Kollaborateure. Wie er gegenüber Belgieninfo erklärte, seien seine Eltern mit ihren Kindern 1944 vor der amerikanischen Armee nach Deutschland geflohen. Zunächst hätten sie in Thüringen gelebt. Als dann die Rote Armee Thüringen besetzt habe, seien die Eltern nach Bamberg geflohen. Im Frühjahr 1946 habe sie dann die amerikanische Armee zurückgeschickt nach Belgien. In Belgien waren Tinels Eltern als Nazi-Kollaborateure verachtet und ausgegrenzt.

Tinel, der als Kind selbstverständlich keinen Einfluss auf die politische Ausrichtung seiner Eltern hatte, hat sein Leben lang mit dieser Familiengeschichte zu kämpfen gehabt. Auch ihn traf die Ausgrenzung, die seinen Eltern galt. Später begegnete er Simon Gronowski, und zwischen ihnen entwickelte sich eine bis heute lebendige und auch bei ihrem gemeinsamen Auftritt sichtbare Freundschaft, die, wie Tinel gegenüber sagte, ihm sehr geholfen habe bei der Verarbeitung seiner Familiengeschichte.

Die Entscheidung, gerade diese beiden Zeitzeugen einzuladen zu diesem Workshop mit Schülerinnen und Schüler, trägt sowohl der deutschen Besatzung Rechnung als auch den innerbelgischen gesellschaftlichen Verwerfungen, die daraus resultierten und teils bis heute nachwirken. Dies spiegelt sich auch in der Ausstellung über die Rolle der belgischen Bahn während der deutschen Besatzung wider. Die beiden Pole, einerseits die deutschen Besatzer nicht unterstützten zu wollen, andererseits aber mit ihnen kooperieren zu müssen, um die belgische Gesellschaft auch während der Besatzung mit lebensnotwendigen Gütern versorgen zu können, standen in einem Spannungsverhältnis. Dies hat natürlich auch bedeutet, sich in bestimmten Situationen zum Mittäter zu machen. Wobei selbstverständlich ein Unterschied darin lag, ob das eher widerwillig oder freiwillig geschah. Die innenbelgischen Spannungen zwischen dem französischsprachigen und dem niederländischsprachigen Landesteil hatten sich die deutschen Besatzer bereits während des Ersten Weltkrieges zu Nutze gemacht im Sinne des Lateinischen „divide et impera“ (teile und herrsche). Flandern war in beiden Besatzungsphasen den Besatzern gegenüber offener als die Wallonie.

Foto: J. Klute

So steht die Einladung der beiden Zeitzeugen Simon Gronowski, der zum französischsprachigen Teil der belgischen Gesellschaft gehört, und Koenraad Tinel, der Sohn flämischer Kollaborateure, nicht nur für eine Aufarbeitung der dunklen Kapitel der belgisch-deutschen Beziehungen, sondern ebenso für eine Aufarbeitung der daraus resultierenden innenbelgischen gesellschaftlichen Spannungen. Angesichts der aktuellen Krisen war dieser Workshop ein ebenso bewegender wie nötiger Appell an die heutigen und zukünftigen Generationen, alles dafür zu tun, dass sich dieser Teil der jüngeren europäischen Geschichte nicht wiederholt.

Abschließend sei noch angemerkt, dass Koenraad Tinel zwei seiner monumentalen Skulpturen der Flucht von Simon Gronowski aus dem 20. Deportationszug gewidmet hat (siehe Titelbild und Foto unten).

Skulptur: Koenraad Tinel; Foto: privat

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