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Viele Brüsseler ARD-Fernsehzuschauer müssen jetzt in die Röhre schauen

Die Entscheidung des Anbieters VOO, „Das Erste“ nicht mehr über sein Grundangebot per Kabel zu verbreiten, sorgt für Unmut

Von Michael Stabenow

Nur wenige Brüsseler erinnern sich an die Zeiten, als ihr Fernsehangebot auf zwei belgische Sender beschränkt war. Wer die Programme der deutschen Sender ARD und ZDF anschauen wollten, musste eine spezielle Antenne auf dem Dach anbringen. Er konnte vor allem dann auf eine annehmbare Empfangsqualität vertrauen, wenn er weit im Osten der Stadt oder – besser noch – in den Deutschland noch etwas näher gelegenen Randgemeinden wie Tervuren wohnte. Das änderte sich Ende der sechziger Jahre, als die belgischen Haushalte nach und nach über Kabelanschlüsse die Wahl zwischen einem internationalen Strauß an Sendern erhielten.

Umso schlechter staunten jetzt Kunden des Anbieters VOO, der seit 2023 Teil des französischen Mutterkonzerns Orange ist. Anfang des Monats mussten sie feststellen, dass mehrere Sender, darunter „Das Erste“ der ARD, plötzlich aus dem Senderangebot verschwunden waren. Schluss mit den Übertragungen des Senders von Tagesthemen, Tatort, Quizsendungen, oder in diesen Tagen von den Olympischen Winterspielen. Statt ARD-Fernsehgenuss hieß es fortan, in die Röhre zu schauen. Betroffen sind offenbar Abonnenten in einer Reihe vor allem im Brüsseler Süden und Südwesten gelegenen Gemeinden wie Auderghem, Uccle, Ixelles oder Forest.

Schon vor 13 Jahren gab es Bestrebungen, deutsche Sender aus dem Angebot der belgischen Kabelnetzbetreiber zu nehmen. So strich der Anbieter Telenet das dritte Programm des WDR angeblich “wegen mangelnder Nachfrage”; Belgacom (heute Proximus) drohte mit der Abschaltung von ARD und ZDF, gab das Vorhaben aber nach heftigem Protest wieder auf (siehe https://belgieninfo.net/abgesang-aufs-deutsche-fernsehen/).

Bei VOO hagelte es offenbar Proteste gegen die Streichung des Angebots. Kein Wunder – denn auf seiner Website (https://www.voo.be/fr/tv/chaines-tv/chaines-internationales) preist die Gesellschaft „Das Erste“ als „chaîne ´amiral`“ an – als „Flaggschiff-Sender“ (Chaîne “amiral” du groupe ARD. ARD ou “Das Erste” propose une large variété de programmes pour tous les goûts et tous les ages. Elle propose également des séries, des divertissements familaux et des programmes culturels et éducationnels. Canal 170”). Wer weiter Zugriff auf “Das Erste” haben will, muss zum Beispiel auf ein VOO-Abonnement der höheren Kategorie mit Decoder umsteigen.

Das Ganze geschah ohne vorherige Ankündigung und auch ohne offizielle Gründe”, ist unter VOO-Abonnenten zu hören. Folgt man der Darstellung der Zeitung L´Avenir, dann soll die Streichung mehrerer Sender, darunter neben “Das Erste” auch des Programms des italienischen Anbieters Mediaset sowie von Stingray-Festival, in einer monatlichen Abrechnung angekündigt worden sein.

Die Zeitung zitierte aus einem Nutzerforum folgenden Kommentar: “Wir sollten uns doch auch daran erinnern, dass Deutsch die dritte offizielle Sprache Belgiens ist.“ Die ARD sei der führende öffentlich-rechtliche deutsche Anbieter mit einem hochqualitativem Vollprogramm. “Kurz gesagt, diese Streichung ist unverständlich und ein offenkundiger kommerzieller Irrtum”, schrieb demnach der Nutzer.

Auf Anfrage von Belgieninfo bestätigte Orange, dass mehrere Sender aus dem VOO-Angebot genommen worden seien, ohne sich jedoch direkt zu den Gründen dieser Entscheidung zu äußern. In der Stellungnahme des Unternehmens heißt es: “Wir verstehen, dass diese Änderungen für manchen Zuschauer der deutschsprachigen Gemeinschaft in Brüssel Unbehagen verursachen können.” Aber es gebe auch eine Lösung. “Für VOO-Kunden in Brüssel, die “Das Erste” gerne weiter schauen wollen, ist es eine Option, von VOO zu Orange zu wechseln; im Angebot von Orange ist der Sender verfügbar”, teilte der Anbieter mit.

Was das Orange-Abonnement kostet und was dafür geboten wird, lässt sich unter Offres TV : détails et aperçu | Orange Belgique nachlesen. Im Gegensatz zu früheren Zeiten sind Fernsehkonsumenten in Brüssel nicht auf einen einzigen Anbieter angewiesen. So tummelt sich dort derzeit Markt eine Reihe anderer Unternehmen wie der – in einer Mehrheit der 19 Gemeinden mit dem traditionellen Angebot über Kabel präsente – Anbieter Telenet, aber auch der einstige Monopolist Belgacom (jetzt Proximus). Auch neuere Anbieter wie das mit Hauptsitz in Rumänien ansässige Unternehmen Digi Communications buhlen um die Gunst der Kunden.

Was steckt also hinter der Entscheidung von Orange, mehrere Programme aus dem herkömmlichen VOO-Angebot zu streichen? Für die Zeitung L´Avenir lautet die Antwort: “Das ist ein weiterer Sarg in den Nagel der Marke, die langsam, aber sicher ihre Identität und spezifischen Merkmale seit ihrer Übernahme durch Orange Belgium im Juni 2023 verliert.” Unabhängig von solcherlei Überlegungen sorgt die jüngste Entwicklung nicht nur unter der VOO-Kundschaft, sondern auch in der ARD-Zentrale für Irritation. So wurde Belgieninfo versichert, dass die Kündigung des Vertrags zur Einspeisung des Programms “Das Erste” in das VOO-Angebot nicht von deutscher Seite veranlasst worden sei. Alle Versuche, unter Berücksichtigung der urheberrechtlichen Bestimmungen der ursprünglich von 1993 stammenden EU-Richtlinie zur Verbreitung von Inhalten via Satelliten oder Kabel, seien bisher erfolglos geblieben. Den Verantwortlichen der ARD sei durchaus bewusst, welche Bedeutung der Empfang von “Das Erste” in einer Stadt wie Brüssel mit seinem gemischtem Publikum, darunter vielen Bediensteten internationaler Institutionen, habe.

 

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