
Von Heide Newson
Die Herbstsonne lag über Brüssel. Der Wettergott meinte es mit milden Temperaturen mal richtig gut mit den Gästen, die am 1. Oktober in die Residenz des deutschen Botschafters Martin Kotthaus eingeladen waren, um den Tag der Deutschen Einheit gebührend zu feiern. Punkt 18 Uhr ging es los – zumindest theoretisch, denn wer heute in Brüssel zu offiziellen Veranstaltungen eingeladen wird, muss sich strengen Sicherheitsmaßnahmen unterziehen.
So begann der festliche Abend für die rund 400 Gäste, vor allem aus Diplomatie, Wirtschaft, Politik und Militär, nicht direkt mit einem Sektglas in der Hand, sondern mit einer kleinen Geduldsprobe an der Sicherheitsschleuse, wo schon eifrig miteinander geplaudert und „genetztwerkt“ wurde. Kaum hatte man die Kontrolle überwunden, gab es die nächste große Schlange. Denn die Gäste wollten Deutschlands Botschafter Martin Kotthaus persönlich die Hand schütteln. Ein meisterhafter Steh-Marathon des Händedrückens folgte, den der Gastgeber mit netten Begrüßungsworten und bravouröser Ausdauer absolvierte. Danach setzten sich beflissene Kellner mit Häppchen in Richtung der zahlreichen Gäste in Bewegung. Bei kühlen Getränken und bestem Herbstwetter entwickelten sich sofort anregende Gespräche, zum Beispiel mit den Botschafterinnen aus Jamaika oder Mosambik, die mir freundlich zuprosteten. Ich wurde gefragt, ob ich aus Deutschland komme, ein Land, das sie liebten und schätzten. Deshalb seien sie zum Mitfeiern gekommen. Und dann unterhielten wir uns über Bob Marley, während mir die sehr lustige und gesellige Botschafterin aus Mosambik ihr Land als künftige Urlaubsziel schmackhaft machte. Mit Luxemburgs Botschafter sprach ich über die enge Beziehung, die er zur Deutschsprachigen Gemeinschaft unterhält. Gerne und oft halte er sich dort auf. Dass so viele Ostbelgier in Luxemburg, vornehmlich im Bankensektor arbeiten, bezeichnete er als einen großen Gewinn für sein Land.
JAN JAMBON ALS ÜBERRASCHUNGSGAST – UND MARTIN KOTTHAUS MACHT MUT
Und mittendrin im Gedränge: Vizepremierminister Jan Jambon von der flämischen N-VA, ein Politiker zum Anfassen, mit dem man wie gewöhnlich locker plaudern konnte. Deutschland habe er bereits als Student mit seinem Interrailticket bereist, verriet er mir. Leider sei es ihm damals wegen der Berliner Mauer noch nicht möglich gewesen, Städte wie Dresden zu besuchen, was er mittlerweile längst nachgeholt habe. Während das vielsprachigr Gemurmel die Luft erfüllte, schritt Martin Kotthaus zum Rednerpult, um seine Gäste willkommen zu heißen.
In seiner Ansprache ließ er keinen Zweifel daran, dass in Belgien der europäische Gedanke gelebt werde und das Land ein sehr enger und unerlässlicher Freund Deutschlands sei. Belgien, so betonte er, habe seit 1974 viel Geld in seine LNG-Infrastruktur investiert, was gerade nach dem russischen Überfall auf die Ukraine ab 2022 auch Deutschland zugute komme. „Ohne Belgien wäre es damals in Deutschland wahrscheinlich ziemlich kalt geworden,“ sagte der Botschafter.
Weiter betonte Kotthaus, dass Europa geeint als „EU“ sprechen müsse. “Wenn über 450 Millionen Menschen ihre Stimme erheben, ist das was ganz anderes. Dann sind wir stärker, haben einen großen Hebel und sind Ansprechpartner. Deshalb müssen wir auch in der EU-Außenpolitik mit einer Stimme sprechen”, erläuerte Kotthaus..Auch wenn der deutsche Botschafter das belgische „Savoir-vivre“ besonders schätzt und gerne darüber spricht, lenkt er den Blick immer wieder auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stärke Belgiens und darauf, wie eng die belgische Industrie mit der deutschen Wirtschaft verzahnt ist.
FALL DER MAUER
„Am 9. November 1989 fiel – für viele damals überraschend – die Mauer in Berlin, ein knappes Jahr später am 3. Oktober 1990 wurde aus der DDR und BRD ein Staat, die Bundesrepublik Deutschland, Mitglied der Europäischen Union und der Nato“, sagte Kotthaus. Altbundeskanzler Willy Brandt habe damals gesagt, dass zusammenwachse, was zusammengehöre. “Ich bin mir sicher, dass er damit nicht nur Deutschland, sondern auch Europa meinte, denn der Fall des Eisernen Vorhangs und der Mauer war auch der Startschuss für die EU-Erweiterung nach Mittel-und Osteuropa“, erklärte Kotthaus. In diesem Zusammenhang erwähnte er die Verdienste von Helmut Kohl und wie wichtig es sei, gute und vertrauenswürdige enge Nachbarn wie Belgien im Herzen Europas zu haben, auf die man sich verlassen könne. Der Botschafter erinnerte an die Sehnsucht nach Frieden, der seit 1945 durch die Europäische Union gewährleistet sei.
Kotthaus ging auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sowie den jüngsten Drohnenangriff in Leipzig ein. „Nach dem gescheiterten Drohnenangriff in Leipzig sind wir sehr dankbar für die klare Solidarität unserer Partner”, sagte Diplomat. Gleichzeitig verwies er darauf, wie froh er darüber sei, vor ein paar Monaten, als Belgien Deutschland gebraucht habe, mit einem Anti-Drohnenzug der Bundeswehr helfen zu können. „Auch hier gilt: in der Einigkeit liegt unsere Stärke”, sagte Kotthaus. Dann sprach er über neue Prioritäten, die insbesondere seit dem Überfall auf die Ukraine gesetzt werden müssten. Neue Mittel für längst überfällige Reformen und Investitionen müssten gefunden werden. Erst kürzlich, so sagte Kotthaus erfreut, seien die Prognosen für das Wirtschaftswachstum in Deutschland auf 1,2 Prozent erhöht worden. Die Zuversicht bei den Unternehmen steige. „In diesem Sinne lassen Sie uns jeden Tag unsere Freiheit und unsere Einheit genießen. Wir freuen uns darüber, dass 1990 nicht nur die beiden Deutschlands wieder vereinigt werden konnten, sondere weite Teile unseres Kontinents. Und nun hoffe ich, dass Sie einen wundervollen Abend hier verbringen”, beschloss Kotthaus seine einführenden Worte.
JAN JAMBON – BEREITS ALS STUDENT EIN DEUTSCHLANDFAN
In der Ansprache, die Belgiens Vizeministerpräsident und Finanzminister Jan Jambon außer in seine Muttersprache Niederländerin auch auf Französisch, Englisch sowie auf Deutsch hielt, hob er die hervorragende bilaterale Zusammenarbeit zwischen Belgien und Deutschland hervor. Zudem sprach der ehemalige Ministerpräsident der Region Flandern über seine ersten Eindrücke, die er als junger Student bei seinen Interrail-Reisen über Deutschland, gewonnen habe. Deutschland habe schon damals auf seinem Reiseplan gestanden. „Man konnte überall hinfahren, aber nur außerhalb des Eisernen Vorhangs, was ich sehr bedauerlich fand. Und wer damals die andere Seite des Eisernen Vorhanges in Dresden erreichte, landete auf dem Neumarkt und sah die schmerzhaften Zustände der Teilung und der Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg”, sagte Jambon. Erst nach der Wiedervereinigung habe die zerstörte Frauenkirche zu ihrer alten glanzvollen Pracht zurückgefunden. Dennoch lauere die Gefahr überall, sowohl im Inneren als auch von außen. Der deutsche Dichter und Dresdner Erich Kästner habe diese Unsicherheit einst treffend in Worte gefasst. Er habe schon damals die Frage gestellt: wird´s besser, wird´s schlimmer?
„Aber seien wir ehrlich. Leben ist immer gefährlich,“ so Jambon. In Deutschland habe Belgien einen verlässlichen Partner gefunden. „Was für ein Glück,“ betonte er und fügte hinzu: „ Und so werden wir eines Tages mit Zuversicht „Ja“ auf Kästners Frage antworten können, ob es besser wird.”
Nach dem Staatssekretär Bernhard Kotsch vom Auswärtigen Amt in Berlin richtete auch Michael Freericks, Leiter der EU-Vertretung von Niedersachsen, dem diesjährigen Partner-Bundesland der Veranstaltung, ein kurzes Grußwort an die Gäste. Für regionales Flair sorgte eine Fotoausstellung über Alleen in Niedersachsen und ihre Geschichte.
Anschließend erklangen die drei Hymnen. Zunächst die deutsche, darauf folgte die belgische und dann die europäische, Beethovens Ode an die Freude. Danach klirrten die Gläser, gefüllt mit spritzigen deutschen Weinen, Bier oder alkoholfreien Getränken, während eine wohltuende Leichtigkeit den Tag der deutschen Einheit begleitete. Bei kulinarischen Leckerbissen und Musik wurde viel gelacht und diskutiert. Und es wurde immer wieder auf die deutsche Wiedervereinigung, gemeinsame Werte, das Erreichte, ein gelungenes, lebendiges Fest, auf das harmonische Miteinander sowie das gemeinsame Europa nach der Devise „Zusammen sind wir stark“ angestoßen.









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