
Von Thomas A. Friedrich
Eiskalt erwischt. Schlechte Nachrichten vom Belgischen Nationalen Institut für die Entsorgung radioaktiven Abfalls (NERAS/NIRAS/ONDRAF). Für den Rückbau der belgischen Atomkraftwerke müssten mindestens drei Milliarden Euro mehr aufgewendet werden als ursprünglich geplant. Dies berichten die Wirtschaftszeitungen De Tijd und L`Echo in ihren Wochenendausgaben. Sie berufen sich auf einen bisher unveröffentlichten NERAS-Bericht. Demnach drohen dem französischen Energiekonzern Engie als Betreiber der Kernkraftwerke Doel (bei Antwerpen) und Tihange (westlich von Lüttich) deutlich höhere Rückbaukosten für die belgischen Kernkraftwerke.
Kommen auf die belgische Staatskasse weitere Milliardenforderungen zu?
Nach monatelangem Tauziehen hatten sich der belgische Föderalstaat mit dem französischen staatlichen Energiekonzern Engie auf die Kostenteilung für die Abwicklung der in die Jahre gekommenen Atommeiler nach den verlängerten Laufzeiten geeinigt. Demnach soll Engie insgesamt 15 Milliarden Euro für die Entsorgung und Endlagerung des radioaktiven Abfalls der Kernenergieanlagen bestreiten. Die Dekontaminierung und endgültige Stilllegung der belgischen Atommeiler könnte jedoch Engie und möglicherweise auch die belgische Staatskasse in den kommenden Jahren stärker belasten als bisher angenommen.
Wie hoch sind die Kosten für die Stilllegung eines Kernkraftwerks?
Der Rückbau von Kernenergieanlagen stellt weltweit ein Unterfangen dar, das mit erheblichen, unkalkulierbaren finanziellen Risiken verbunden ist. Die Internationale Energieagentur (IEA), eine in Paris ansässige zwischenstaatliche Organisation, die 1974 gegründet wurde und politische Analysen und Daten zum globalen Energiesektor erarbeitet, schätzt, dass der Rückbau eines Atomkraftwerks je nach Reaktortyp, Größe und Standort zwischen 500 Millionen bis zu 2 Milliarden US-Dollar kosten würde. Die weltweiten Kosten allein für die Stilllegung der bis 2040 abzuschaltenden Reaktoren bezifferte die IEA im Jahre 2020 mit über 100 Milliarden US-Dollar.
Mittlerweile müssen die Betreiber der Atomkraftwerke die Kosten für Stilllegung und Rückbau selber tragen und dafür entsprechende Rücklagen bilden. Dazu sind sie gesetzlich in Deutschland und vielen europäischen Staaten inzwischen verpflichtet. Mit der Stilllegung einer Kraftwerksanlage und der aufwendigen Dekontamination von abgebrochenen Kernkraftwerkskomponenten – wie etwa riesigen Kühltürmen – allein ist es jedoch nicht getan.
Welche Gesamtkosten kommen auf Energiekonzerne und Gesellschaft zu?
Die vollständige Entsorgung eines Atomkraftwerks beschränkt sich nicht allein auf den Rückbau von Anlagen, sondern stellt vor allem in der Entsorgungsfrage von radioaktiven Abfällen eine europaweit bisher weitgehend ungelöste Aufgabe mit erheblichen finanziellen Aufwendungen dar. So beziffert die IEA laut jüngsten Berechnungen vom September 2025 die Kosten allein für die Entsorgung radioaktiver Abfälle bis 2100 in Europa auf rund 170 Milliarden Euro.
Eigentlich wähnte sich der belgische Staat nach dem Deal mit Engie im Jahr 2025 auf der sicheren Seite. Nun könnten die von der NERAS ins Feld geführten Neuberechnungen zu einem Bumerang für das belgische Budget – ohnehin von massiven Sparzwängen der Arizona-Regierung gebeutelt – werden. Bewahrheiten sich die von den beiden belgischen Wirtschaftszeitungen veröffentlichten Mehrkosten von rund drei Milliarden Euro für die Entsorgung beziehungsweise Endlagerung des radioaktiven Abfalls, dürfte nunmehr ein neues Tauziehen zwischen Betreiber und Eigentümer der belgischen Kernkraftwerke auf der Agenda stehen.
Gemäß der Vereinbarung zwischen Belgien und dem französischen Energiekonzern muss das Unternehmen zunächst allein für den Rückbau der Kernkraftwerke, die ab 2035 abgeschaltet werden sollen – nach bisherigen Berechnungen 8,7 Milliarden Euro aufwenden. Nach Einschätzung der NERAS-Studie dürften die von Engie eingeplanten Rücklagen jedoch nicht reichen, denn ihren Berechnungen zufolge könnten sich die Kosten auf bis zu 12 Milliarden Euro erhöhen. Dies würde einen Fehlbedarf von rund drei Milliarden Euro bedeuten, zitieren De Tijd und L`Echo aus dem NERAS-Report. Dieses Gutachten sei jetzt an die zuständige “Kommission für nukleare Rückstellungen” weitergeleitet worden, die die Aufsicht über die Finanzierung der nuklearen Altlasten hat, schreiben die Zeitungen.
Belgien verschob Ausstieg aus dem Atomausstieg
In Belgien wurde der Atomausstieg 2003 gesetzlich festgelegt. Ursprünglich sollten die weiteren Reaktoren der beiden Kernkraftwerke in Doel und Tihange 2025 abgeschaltet werden. Doch 2022 vollzog man eine Kehrtwende. Angesichts der Sorge um die Sicherheit der Energieversorgung und mit Blick auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine beschloss die Regierung, den Atomausstieg um zehn Jahre zu verschieben. Jeweils ein Block der beiden belgischen Kernkraftwerke sollte bis 2035 am Netz bleiben. Geht es nach den Plänen der Arizona-Koalition, sollen sogar neue Meiler gebaut werden. Weltweit setzen viele Länder nach wie vor auf Kernkraft: 31 Staaten betreiben aktuell Atomkraftwerke, darunter außer Belgien auch Frankreich, die USA, China oder Russland. Länder wie die Türkei bauen neue Reaktoren, Polen will 2028 mit dem Bau seines ersten Atomkraftwerks beginnen. Deutschland und Italien haben sich hingegen für den Atomausstieg entschieden.
Nach Abschaltung bleiben Probleme des radioaktiven Mülls weltweit weiter ungelöst
Aber auch Staaten mit Atomausstiegs-Szenarien sehen sich weiter mit ungelösten Problemen bei der sicheren Verbringung von hochradioaktivem Müll konfrontiert. Denn hochradioaktiver Müll weist Halbwertzeiten von bis zu einer Million Jahren auf. Eine radioaktive Altlast, die ein Gefährdungspotential für die öffentliche Gesundheit darstellt.
Die Endlagersuche in Deutschland ist seit Jahrzehnten ungelöst. Ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll ist weltweit bisher nirgends in Betrieb. Als einziges Vorzeigeprojekt wartet Finnland auf. Auf der Insel Olkiluoto entsteht mit Onkalo das erste tiefengeologische Lager für abgebrannte Brennstäbe. Der Anlagenbau begann 2004 und hat bisher mehrere Milliarden Euro gekostet. Ab 2026 sollen die ersten Abfälle 420 Meter tief im Granitgesteinsschichten eingelagert werden mit einem Zeithorizont bis zum Jahr 2120.
Engie weist Kostensteigerungen als „unannehmbar“ zurück
Der mehrheitlich im Staatsbesitz befindliche französische Energiekonzern Engie soll laut diesen Presseberichten die aufgeworfenen Zusatzkosten in einer ersten Reaktion als “unannehmbar” bezeichnet haben. Der Konzern weist in einer Pressemitteilung darauf hin, dass es sich um ein vorläufiges Gutachten handele, das zudem nicht bindend sei. Bei der Rückkehr aus dem Winterurlaub wird sich die Arizona-Regierung mit diesen Herausforderungen der Altlasten aus Kernenergienutzung wohl sehr bald befassen müssen.







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