Aktuell, Die Leute, Kultur

Eine Lesung und ein Buch, das unter die Haut geht

Von Heide Newson

Zuerst begeisterte er seine Leser auf der Brüsseler Buchmesse, am 17. März dann die geladenen Gäste in der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in der Rue Montoyer. Die Rede ist vom deutschen Bestseller-Autor Berhard Schlink, vielen wohl durch seinen im Jahr 1995 veröffentlichten Roman „Der Vorleser“ bekannt, der in mehr als 50 Sprachen übersetzt und mit der berühmten britischen Schauspielerin Kate Winslet verfilmt wurde. In der NRW-Vertretung in Brüssel las Schlink, der vor seiner Schriftstellerkarriere Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an den Universitäten in Bonn, Frankfurt und Berlin gelehrt hatte und von 1987 bis 2005 Richter am Verfassungsgerichthof für das Land-Nordrhein-Westfalen in Münster tätig war, aus seinem Buch „Das späte Leben“. Eine Lektüre, die keinen unberührt ließ.

In seinem jüngsten Roman erzählt Schlink die Geschichte des 76-jährigen Martin, der bei einer Krebsdiagnose erfährt, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat. Im Mittelpunkt des Buches steht die Frage, was am Ende wirklich zählt – ob man etwas hinterlassen und weitergeben kann. Es geht um Liebe, Abschied, Loslassen und die Herausforderung, dem Tod mit Würde zu begegnen.

Rainer Steffen, Leiter der NRW-Vertretung, stellte den hochgewachsenen Schriftsteller, im Jahr 1944 in Bielefeld geboren, kurz vor, ebenso Nicola Steiner, die das Literaturhaus in Zürich und die Museumsgesellschaft Zürich leitet und das Gespräch mit Bernhard Schlink an diesem Abend führte. Seine Tochter, die mittlerweile das Haus verlassen habe, sei bereits als Schülerin begeistert von Bernhard Schlink gewesen, verriet Rainer Steffen. Der Roman „Der Vorleser“ habe damals zur Pflichtlektüre an der Schule gehört. Er hob das Buch hoch, zeigte durch seine Tochter markierte Stellen und meinte schmunzelnd, dass sie sich damit auseinandergesetzt habe, oder auseinandersetzen „musste“.

Als Zugabe der Brüsseler Buchausstellung umschrieb Kathrin Schmidt vom Brüsseler Goethe-Institut die Teilnahme Schlinks, der einige Passagen aus seinem Werk vorlas, die sich dem Abschiednehmen vom Leben widmen. Von Schlichtheit und einer einfachen und verständlichen Sprache sei das Buch gezeichnet. Es sei leicht zu lesen.

Der Protagonist Martin ist 76 Jahre alt, hat vor wenigen Jahren nochmal eine Familie gegründet und sieht nun der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs und damit dem nahen Tod ins Auge. Er hinterlässt seinem sechsjährigen Sohn einen Haufen Briefe, um ihn auf das Leben vorzubereiten.

Schlinks Interviewpartnerin Nicola Steiner stellte ihm die Frage, ob er von Anfang an wisse, wie sein Roman enden werde, was ja bei vielen Schriftstellern nicht der Fall sei.

Ja, er kenne von Anfang an schon das Ende, sonst könne er nicht schreiben, so Schlinks prompte Antwort. Fakt sei, dass er die Geschichte von Anfang an von „A bis Z“ vor den Augen habe, auch meist die Zeitgeschichte, die in vielen seiner Werke dahinter stecke. Auch den großen Bogen zur Geschichte habe er stets, sonst könne er gar nicht erst mit dem Schreiben anfangen. Zu einer weiteren Frage, wieso die Politik und Geschichte in seinen Werk „Das späte Leben“ außen vor bleibe, meinte Schlink, wenn man wisse, dass man nur noch sechs Monate zu leben habe, spiele die Politik keine Rolle mehr. „Sie sind im letzten Jahr 80 Jahre alt geworden. Was würden Sie in der Situation Ihres Protagonisten, der nur noch kurz zu leben hat, tun, wie würden Sie sich entscheiden?“ wollte die Moderatorin wissen. Falls er gerade an einem Buch sitzen würde, würde er versuchen, es zu Ende zu schreiben. Seine weiteren Prioritäten? Viel Zeit mit den Enkelkindern zu verbringen, und einige Orte aufsuchen, die in seinem Leben eine Rolle spielten. Weiter erfuhren die stark interessierten Zuhörer, dass Bernhard Schlink nicht an Gott, aber an die Kirche glaubt, was viele erstaunte, da häufig ja gerade das Gegenteil der Fall ist. Die schlichte Schreibweise habe er durch seine geliebte Tante gelernt, erfuhren die Zuhörer. Mit Blick auf das eigene Ableben meinte er, dass es ja noch nicht so weit sei, er aber vor einigen Jahren bei der Schweizer Sterbehilfe eingetreten sei. Auch einer sehr persönlichen Frage, ob er wie seine Romanfigur mit einer so wesentlich jüngeren Frau liiert sein, wich er nicht aus. Seine Lebensgefährtin sei zwar jünger, aber der Altersunterschied sei nicht so groß wie zwischen dem Paar in seinem Roman. Wie er ein erfülltes Leben definieren würde, war eine weitere Frage. Ein erfülltes Leben bedeutet für Schlink, dass man etwas getan hat, was man immer machen wollte, und dann machen konnte, dass man geliebt hat und auch geliebt wurde, nicht nur für sich gelebt hat, sondern auch für das Gemeinwesen. Ob er für seine Leser schreibe, war eine weitere Frage. Nein, das könne er nicht, er schreibe nur für sich. Zwar sei er erfreut, dass seine Bücher gelesen und gefallen würden, aber an seine Leser und Leserinnen könne er beim Schreiben nicht denken.

In der anschließenden Diskussionsrunde wurde der Schriftsteller geradezu mit Fragen bombardiert. Kein Wunder – denn es sind große Fragen, die Bernhard Schlink in seinem Roman „Das späte Leben“, aufwirft. Wie gehe ich mit einer Diagnose um, die mir nur noch ein halbes Jahr Lebenszeit voraussagt, was hinterlasse ich der nächsten Generation? Wie wichtig sind mir Wahrheit und Ehrlichkeit in solch einer Situation? All diese Gedanken wurden in der Fragereihe durchspielt, und mit einem weisen Blick auf große Themen wie Liebe, Glaube, Selbstreflexion durch einen begnadeten Schriftsteller beantwortet, der während des anschließenden Empfangs unermüdlich seine Bücher signierte, die einen reißenden Absatz fanden.

IMG 4456
Orientation: 1
IMG 4455
Orientation: 1
IMG 4452
Orientation: 1
IMG 4453
Orientation: 1
IMG 4447
Orientation: 6
IMG 4451
Orientation: 1
IMG 4449
Orientation: 1
IMG 4439
Orientation: 6
IMG 4442
Orientation: 6
IMG 4444
Orientation: 6
IMG 4446
Orientation: 6

Leave a Comment

Ihre E-Mail-Adresse wird veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.