Aktuell, Belgien, Verkehr

Ein halbes Jahrhundert U-Bahn in Brüssel

Metro 1976 und 2026 Foto: STIB/MIVB

Von Michael Stabenow

Wissen Sie noch, wo Sie, so Sie damals bereits unter den Lebenden weilten, am 20. September 1976 waren? Es war der Tag, an dem die „richtige“ U-Bahn, genannt „Métro lourd“, in Brüssel in Betrieb genommen wurde. Und ich, in den Semesterferien nach Belgien zurückgekehrt, war mit von der Partie, die zur Riesenparty wurde. Ich war einer von rund einer Million Menschen, die an jenem Tag, zum Ende eines der bis dahin heißesten Sommermonate in Europa, ausgelassen die Einweihung eines 16 U-Bahnhöfe umfassenden Streckennetzes der Brüsseler Verkehrsgesellschaft STIB/MIVB feierten.

Auch 50 Jahre später ist zumindest für die Verkehrsgesellschaft Feiern angesagt (Le métro fête ses 50 ans – Stibstories). Und auch in mir werden manche Erinnerungen an die Anfangszeit wieder wach. Ja, es wurde damals ziemlich eng, als wir uns an jenem 20. September mit etlichen anderen Neugierdsnasen in einen silbernen Waggon zwängten. Und dann schlossen sich die Türen, und ab ging die Metro – mit einer Beschleunigung, die wir von den traditionellen Straßenbahnen, auch den als „Prémétro“ im Brüsseler Untergrund seit 1969 verkehrenden traditionellen Tramwaggons mit zusätzlichem Stromabnehmer auf dem Dach nicht kannten.

Dass auch das damalige Staatsoberhaupt König Baudouin es sich nicht nehmen ließ, unter den ersten Fahrgästen zu sein, haben wir wahrscheinlich erst abends aus den Nachrichten oder vom Hörensagen erfahren. Und dass auch die belgische, lange in New York lebende Jazz-Legende Toots Thielemans eigens einen Song mit dem passenden Titel „Métro“ komponiert hatte, war mir damals verborgen geblieben.

Nach acht Zwischenstopps, stets mit anschließender rasanter Beschleunigung und hinter der Station Parc/Park in einer Art Sinkflug in die Unterstadt, hatten wir die Endstation De Brouckère erreicht. Ja, wir waren um mehr als eine Erfahrung reicher und auch, wie die meisten Fahrgäste an diesem Tag, ein wenig stolz.

Als ich 1981 in Brüssel das journalistische Handwerk erlernte, gehörte die U-Bahn zu meinen täglichen Wegbegleitern. Zwei Stationen waren es von meinem Arbeitsplatz nahe der Station Arts-Loi/Kunst-Wet bis zum Bahnhof Schuman und den täglichen Pressebriefings in der Europäischen Kommission sowie den Ministerratssitzungen im benachbarten Charlemagne-Gebäude. Mit den Jahren wuchs das Streckennetz auf eine Gesamtlänge von gut 40 Kilometern und fast 60 „Métro lourd“-Stationen.

Aus den ursprünglichen Linien 1a (nach Herrmann-Debroux) und 1b (bis Tomberg und später Stockel/Stockel) wurden die Linien 5 und 1. Auf den hinzugekommenen Linien 2 und 6, auf die man in der Station Arts-Loi/Kunst-Wet umsteigen kann, verkehren noch heute gelegentlich jene nun altertümlich wirkenden silbernen Waggons mit orangefarbener Vorder- und Hinterseite. Heute gehören die Zeiten, als auf dem Metronetz Züge des belgischen Hersteller La Brugeoise et Nivelles (BN) das Bild prägten, freilich der Vergangenheit an. Seit gut zwei Jahrzehnten sind die windschnittgeren silberfarbenen Gefährte des spanischen Hersteller CAF die Platzhirsche im Brüsseler Untergrund.

Glaubt man der STIB/MIVB, dann haben seit 1976 die U-Bahnzüge der Brüsseler Verkehrsgesellschaft insgesamt fast fünf Milliarden Fahrten zurückgelegt. Eine davon endete am 22. März 2016 mörderisch. Durch einen Terroranschlag im Bahnhof Maelbeek/Maalbeek kamen 16 Menschen ums Leben. Zahlreiche Opfer erlitten bis heute nicht verwundene körperliche und seelische Verletzungen. Wie tief das Trauma, nicht nur bei den unmittelbar betroffenen Menschen, noch sitzt, zeigte sich bei den Gedenkfeierlichkeiten an der Unglücksstelle im vergangenen März.

Inzwischen ist in der Brüsseler Metro, auch wenn die Erinnerung an jenen 22. März 2016 bei vielen Fahrgästen noch mitschwingen dürfte, eine Art Normalität eingekehrt. Die Bahnen verkehren häufiger und im Regelfall auch sehr zuverlässig. Bis spät in die Nacht sind die Züge meist gut besetzt, obwohl sie mit sechs Wagen verkehren und nicht wie früher nur mit zweien. Und wer sich einen Eindruck von der Vielsprachigkeit Brüssels im Jahr 2026 machen will, der kann zu einer beliebigen Zeit eine U-Bahn besteigen und einfach die Ohren spitzen – nur Sprachgenies haben indes eine Chance, sich im Wirrwarr zu orientieren.

In diesen Tagen des 50-jährigen Metro-Jubiläums ist Feierlaune angesagt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die ehrgeizigen Pläne der Verkehrsgesellschaft, eine Metrolinie 3 zu bauen, die den Brüsseler Südwesten mit dem Nordosten in der Nähe des neuen Nato-Hauptquartierts verbinden soll oder sollte, für unabsehbare Zeit auf Eis gelegt werden mussten (Belgieninfo hat regelmäßig berichtet, zuletzt hier).

An diesem Freitag wird zwischen acht und elf Uhr in der Station Arts-Loi/Kunst-Wet Mini-Spekulatius mit der Bezeichnung „métro“ aus der Traditionsbäckerei Maison Dandoy an Fahrgäste verteilt. Am Samstag sind organisierte Führungen zu Kunstwerken in U-Bahnhöfen geplant. Höhepunkt ist am Sonntag, wenn Brüssel wieder -wie einmal jährlich – „autofrei“ sein wird, ein „Tag der offenen Tür“ im „Dépôt Jacques Brel/Gare de l´Ouest/Weststation. Dort können die Besucherinnen und Besucher einen hautnahen Eindruck von Bussen und Bahnen gewinnen.  

 

 

Leave a Comment

Ihre E-Mail-Adresse wird veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.