
Von Jürgen Klute
Am 31. August musste sich Bill White, der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika beim Königreich Belgien, gegenüber dem belgischen Außenminister Maxime Prévot für seine unverhältnismäßigen Bemerkungen über den belgischen Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke (Vooruit) verantworten, bzw. er musste „auf die Matte“ kommen, wie im Niederländischen die Einbestellung eines Botschafters oft umschrieben wird. Wegen des Vorhabens von Vandenbroucke, Hersteller alkoholhaltiger Getränke zu verpflichten, auf Etiketten von Flaschen mit alkoholhaltigen Getränken auf die Gesundheitsrisiken beim Genuss von Alkohol hinzuweisen, hatte White den Gesundheitsminister auf einem Instagram-Post als Spaßverderber und „Looser“ bezeichnet.
Wie belgische Medien berichteten, dauerte das Gespräch anderthalb Stunden. Anschließend ließ Außenminister Prévot verlautbaren, dass er bei dem Treffen „seine Missbilligung“ über die Online-Aktivitäten von White zum Ausdruck gebracht habe. „Derartige Äußerungen eines in Belgien akkreditierten Botschafters können nicht toleriert werden. Umgekehrt würden solche Äußerungen eines belgischen Botschafters in den Vereinigten Staaten über amerikanische Amtsträger ebenfalls nicht akzeptiert werden“, hieß es.
Bereits im Februar dieses Jahres hatte Prévot White eine erste Verwarnung erteilt. Seinerzeit hatte der Botschafter sich zu den gerichtlichen Untersuchung zu Beschneidungen in der jüdischen Gemeinde in Antwerpen geäußert und diese als „lächerlich und antisemitisch“ bezeichnet. Bei dieser Auseinandersetzung geriet White bereits mit Gesundheitsminister Vandenbroucke sowie mit dem Vooruit-Parteivorsitzenden Conner Rousseau aneinander. White bezeichnete Vandenbroucke als „sehr unhöflich“ und drohte Rousseau mit einem Einreiseverbot in die USA.
Im November 2025 war der damalige belgische Militärattaché in Washington, Bart Verbist, wegen einer unglücklichen Äußerung in einer Zeitschrift der Armee zurückgezogen worden. Der General hatte darin angemerkt, dass die Politik von Präsident Donald Trump vor allem durch „Chaos“ gekennzeichnet zu sein scheine. Die belgische Regierung erhielt daraufhin den stillen Hinweis, einzugreifen und berief den Militärattaché ab.
Prévot zeigt sich jetzt deutlich zurückhaltender. Er forderte White nur auf, „von öffentlichen Äußerungen abzusehen, in denen belgische Politiker persönlich ins Visier genommen werden“. Sollte White sich nicht daran halten, könne jedoch bei „jeder weiteren Provokation“ eine diplomatische Krise zwischen Belgien und den USA drohen. Die belgische Souveränität müsse respektiert werden, auch bei der Umsetzung der Politik des Landes.
Aus politischen Kreisen in Brüssel hieß es: „Wir kennen White inzwischen. Wahrscheinlich wird er sich jetzt ein paar Wochen zurückhalten, aber früher oder später wird er sich doch wieder zu Wort melden. Die Chance, dass wir ihn jemals selbst des Amtes entheben, bleibt gering. Er ist nun einmal der amerikanische Botschafter. Aber wenn er ein drittes Mal aus der Reihe tanzt, könnte schon mal ein Anruf nach Washington gehen. Auf diese Weise hebt man die Angelegenheit doch auf eine höhere Ebene.“
White selbst reagierte in gewohnter Weise öffentlich. Er sprach von einem „offenen Gespräch“ und erklärte, er respektiere den Standpunkt von Prévot. Vor laufenden Kameras fügte White jedoch sofort hinzu: „Natürlich werde ich weiterhin meine Gedanken mitteilen.“
Unter dem Titel „De prominente prietpraat van Bill White“ (Das prominente Geschwätz von Bill White) kommentierte Sven Biscop, Professor für Internationale Politik an der Universität Gent und am Brüsseler Egmont-Institut das Verhalten von White am 1. September in seiner Kolumne in der belgischen Zeitung De Morgen.
„Bill provoziert gezielt“, so Biscop und erklärt: „Die amerikanische nationale Sicherheitsstrategie vom Dezember 2025 besagt offen, dass die USA ,den Widerstand gegen den derzeitigen Kurs Europas fördern werden‘. Und zwar durch die Unterstützung ‚patriotischer europäischer Parteien‘: MAGA-Jargon für die Faschisten und Rassisten der extremen Rechten. Deshalb hilft Bill fröhlich dabei, jeden Vorfall, der den Rechtspopulismus begünstigt, aufzubauschen. Wenn er die Vorfälle nicht sogar selbst provoziert.“
Biscop leitet daraus ab: „Die USA sind nun ein Land wie jedes andere: ein Partner in der einen Angelegenheit, ein Rivale in der anderen. Wenn es ihm besser passt, wird Trump es sich nicht nehmen lassen, ein Abkommen mit Russland oder China zu schließen und Europa beiseite zu schieben. Eines der strategischen Prinzipien, über die ich an der Universität Gent unterrichte, hat Trump sehr gut verstanden: Es ist einfacher, seine Freunde zu bedrohen als seine Feinde. Deine Feinde könnten es nämlich wagen, zurückzuschlagen. Deine Freunde bleiben meist höflich und versuchen, den Schaden zu begrenzen.“
Da Biscop davon ausgeht, dass ein Botschafter der USA so schnell nicht des Landes verwiesen wird, schlägt er als Reaktion vor, einfach mal einen anderen Amerikaner einzuladen, nämlich Barak Obama und ihn „einen Vortrag über die transatlantische Freundschaft und die demokratischen Werte“ halten zu lassen. Das müsse, ergänzt der Politikwissenschaftler, natürlich mit dem nötigen Pomp und Zeremoniell verbunden sein: „Empfang beim Premierminister, großer Empfang und so weiter.“ Und wenn ein ehemaliger US-Präsident zu Besuch nach Belgien komme, dann selbstverständlich mit allen damit verbundenen protokollarischen und sicherheitstechnischen Vorschriften, die der amerikanische Botschafter dann natürlich regeln muss. „Wenn Obama darauf besteht, in der Residenz zu übernachten, muss Bill sogar sein Bett abtreten“, rundet Biscop seinen Vorschlag ab.








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