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Der Brüsseler Meyboom – etwas schräg, aber historisch verwurzelt

Von Heide Newson

Als langjährige Journalistin in Brüssel glaubt man oft, nach Jahren so alle Brüsseler Traditionen zu kennen. Weit gefehlt… die belgische Hauptstadt schafft es immer wieder, mich komplett zu überraschen. So geschehen am 9. August. Dank der Generalsekretärin der Belgisch-Bayerischen-Gesellschaft, Elisabeth Wenig, stolperte ich in ein Spektakel, von dem – ich gebe es ehrlich zu – bis dato nie etwas gehört hatte: die Meyboom-Tradition. Und was soll ich sagen, ich war vom ersten Moment an absolut begeistert.

Beim diesjährigen Umzug zum Anlass der Aufstellung des Meybooms ist der Riese der Belgisch-Bayerischen-Gesellschaft, Max-Emanuel, als Ehrengast beim Umzug dabei. Kommt zahlreich zu diesem folkloristischen Spektakel,“ so der Aufruf der Generalsekretärin. „Wir treffen uns um 15.15 Uhr vor dem Haus der Brauer auf der Grand´Place.“ Gute Idee dachte ich, zumal ich am Wochenende in Brüssel geblieben war.

FOLKLORE, MUSIK, RIESIGE HOLZFIGUREN, GESCHICHTE UND EIN MEER AUS TRADITION

Kaum auf der Grand´Place zum angegebenen Zeitpunkt angekommen, tauchten wir schon in eine ausgelassene Stimmung ein. Riesige Holzfiguren (Géants), Blaskapellen in historischen Uniformen und ein Zug voller fröhlicher Menschen begleiteten das eigentliche Herzstück des Tages: einen Baum, der von Brüssels schönstem Platz bis zur Rue des Sables getragen wird, wo er dann vor 17 Uhr aufgerichtet werden muss. Aber wer nun im Angesicht des bayerischen Riesen Max-Emanuel dachte, dass die Meyboom Tradition etwas mit bayerischen Trachten, Lederhosen, bayerischer Blasmusik, Bierzelt und das klassische Baumaufstellen am 1. Mai in bayerischen Landen zu tun hat, liegt völlig falsch. Die Brüsseler Tradition hat rein gar nichts mit dem bayerischen Maibaum zu tun.

DIE LEGENDÄRE RIVALITÄT

Traditionen machen ja bekanntlich besonders viel Spaß, und wenn eine Prise Drama im Spiel ist, umso mehr. Und Drama liegt in der Maibaum-Tradition, die auf das Jahr 1213 und einem Sieg Brüssels über die Nachbarstadt Löwen zurückgeht. Damals gewannen die Brüsseler eine Fehde gegen die Nachbarstadt Löwen. Zum Dank und zur Feier des Sieges verpflichteten sich die Brüsseler, jedes Jahr vor dem Fest ihres Schutzpatrons St. Laurentius einen Meyboom aufzustellen. Die goldene Regel: Der Meyboom muss jedes Jahr am 9.August exakt vor 17 Uhr in einem Loch verankert sein. Schaffen es die starken Burschen nicht, so geht das Privileg für immer verloren, Am frühen Morgen machten sich die sogenannten Baumträger auf den Weg, um im Bois de la Cambre eine prächtige Buche auszusuchen und zu fällen. Die Organisation der Meyboomaufstellung liegt in den Händen traditionsreicher Vereinigungen wie den Compagnons de Saint-Laurent in Brüssel. Die Rollen und das Wissen werden innerhalb der Familie über Jahrhunderte weitergegeben. Heute ist der Meyboom von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt.

Wir folgten dem Festzug und postierten uns in der Rue des Sables, wo der Meyboom aufgestellt werden sollte. Die ganzen Straßen waren vollgestopft von Menschen, die dicht and dicht standen. Die Kinder auf den Schultern ihrer Eltern hielten mehr nach den Riesen als nach dem Meyboom Ausschau, während die Erwachsenen ständig auf ihre Uhr blickten. Sie wussten, dass der Baum um 17 Uhr stehen musste. Derweil lag eine unglaubliche Anspannung in der Luft. Jubelschreie brachen aus, die Energie und Freude der Menschen rissen mich mit. Lautstark grölte ich mit, während ich an jeder Straßenecke den Brüsseler Humor spürte, und noch mehr die Seele der echten Brüsseler kennen lernte, die sich nicht so wichtig nehmen. Weit vor 17 Uhr erreichte der Meyboom, von feschen Burschen getragen, die Rue des Sables, wo er seinen festen Platz erhalten sollte. Und jetzt begann das eigentliche Spektakel und Drama zugleich. Beim Hieven des Baumes streifte er zunächst die Straßenlaterne, was mit lautem Geschrei begleitet wurde, danach landete er auf den Köpfen der Zuschauer, die es mit viel Humor, Blätter in den Haaren, sehr entspannt und gelassen nahmen.

DER 17 UHR- SCHWEISSAUSBRUCH

Je näher der Zeiger auf fünf Uhr rückte, desto spektakulärer wurde die Mischung aus echter Panik und ausgelassener Festlaune. Unter brüllenden Anfeuerungsrufen aus der fröhlichen Menge gelang es den belgischen Burschen mit starker belgischer Manneskraft, den Meyboom hochzuhieven und in einem Loch fest zu verankern. Die Tat war vollbracht, der Baum stand. Wildfremde Menschen lagen sich nun erleichtert in den Armen, griffen zum Bier, stießen auf eine Tradition an, deren genauen Ursprung mir spontan keiner so richtig erklären konnte. Und jetzt wo der Baum Punkt 17 Uhr endlich stand, brach noch mehr Jubel in den Straßen aus. Es wurde gefeiert, als hätten die Belgier gerade die Fußball Weltmeisterschaft gewonnen. Und meine Freunde und ich feierten alle gerne mit.

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