
Von Heide Newson (Text) / Jürgen Klute und Hanna Penzer (Fotos)
Brüssel schien am Dienstag still zu stehen. Aber das betraf nur den Verkehr, Europas Hauptstadt befand sich im Partyfieber. Kein Wunder bei dem Kaiserwetter, oder zum Nationalfeiertag vielleicht passender „Königswetter“, und der Tatsache, dass er in diesem Jahr auf einen Dienstag fiel, und viele Belgier das verlängerte Wochenende für einen ausgiebigen Feiermarathon nutzen. Die Kneipen und Terrassen in Brüssel waren voll, die Nationalflaggen wehten im Wind und die Laune der vielen jungen Leute war überschäumend.
Überschäumend und elektrisierend war die Volksfeststimmung bereits am Vorabend des Nationalfeiertags auf der historischen „Place du Jeu de Balle“ im Brüsseler Marollenviertel, die sich in eine riesige Open-Air-Tanzfläche verwandelt hatte. Der legendäre “Bal National“ – eigentlich ein „Bal International“ – zog wie im Vorjahr Tausende begeisterter Menschen unterschiedlicher Nationalitäten an. An Holztischen vor den Restaurants und Bistros im Marollenviertel wurde tonnenweise das inoffizielle belgische Nationalgericht „Moules-Frites“ serviert und dann genüsslich zelebriert, während belgische Biere in Strömen flossen.
Marollenviertel – ein authentisches Brüsseler Lebensgefühl
Kaum waren mein Kollege und ich im Marollenviertel, und schon fühlten wir uns in einer ganz anderen, sehr eigenen Welt. Nicht auf einem durchgestylten, gelackten Hochglanz Markt, sondern auf einem so lebendigen und herrlich chaotischen Ort mit einer ganz besonderen Atmosphäre. Die Stimmung war elektrisierend. Die vielen Menschen, die sich bereits kurz nach 19 Uhr in dem urigen Viertel befanden, wurden in den Gassen rund um den Markt, erst einmal von viel Musik und der außergewöhnlichen Brüsseler Jazzband von Jean Luc Millot in Schwung gebracht. Und bei diesem Sound gab´s meinerseits kein Halten mehr, als mich eine Stimmungskanone, der die Band mit ausreichend Bier versorgte, direkt am Arm griff, und mich über das Kopfsteinpflaster wirbelte.

Fatima, eine Berberin, mit belgischer Staatsangehörigkeit, tanzte rhythmisch mit, und erzählte uns aus ihrem Leben. Sie stamme aus Marokko, sei im Marollenviertel aufgewachsen, und habe hier eine katholische Schule besucht. Stolz sei sie, mittlerweile längst Belgierin zu sein. In der Schule habe sie gebüffelt und mehr über Belgien als viele Einheimische gewusst. Auf eine Frage der Lehrerin, wie das belgische Königspaar heiße, habe sie im Gegensatz zu ihren belgischen Mitschülern gleich gewusst, dass es zu diesem Zeitpunkt “Baudouin und Fabiola“ waren. Und das Königspaar habe dann auch noch ihrer Schule einen Besuch abgestattet. „Das vergesse ich nie“, sagte sie nach Dekaden noch immer sichtlich beeindruckt. König Philippe und Mathilde seien auch ganz in Ordnung, aber keiner käme an den verstorbenen König Baudouin ran. Die Marollen, so erklärte sie mir, seien historisch stets das Viertel der Arbeiterklasse und der Zuwanderer gewesen. Und genau dieser unangepasste, charmante und unprätentiöse Charakter liegt dort bis heute noch in der Luft. Und am Nationalfeiertag umso mehr. Mit den Worten “ ich muss jetzt zum Bürgermeister, der einen Empfang gibt, ich arbeite bei ihm, Sie können ja mitkommen,“ zieht sie von dannen.

Schweren Herzens eisten wir uns von der Brüsseler Jazzband los, und erreichten in wenigen Minuten unser Ziel, die „Place Jeu de Balle“. Wie erwartet war dort die Atmosphäre laut, fröhlich, herzlich und multikulturell. Französisches, flämisches, englisches, spanisches und viel arabisches Stimmengewirr umgab uns. Aber zur Verständigung brauchte keiner polyglott, sondern nur in guter Stimmung zu sein. Und daran mangelte es nicht. Es wurde gelacht, Jung und Alt tanzten Arm in Arm, während die Stimmung von der großen Bühne mit tollen Hits und bekannten Ohrwürmen unaufhörlich eingeheizt wurde. Wir kamen mit wildfremden Menschen in Kontakt, und sobald die echten belgischen Klassiker und Cover Bands die Bühne betraten, wurde mit gesungen oder eher gegrölt, gelacht, applaudiert und laut mitgepfiffen. Von französischem und spanischem Pop über belgische Evergreens bis hin zu echten Party-Hits war alles dabei.
Die Schlangen an den Bierständen wurden länger und länger, und alle waren bemüht, mitten im Gedränge auf holprigem Kopfsteinpflaster das Bier zu ihren Liebsten zu transportieren ohne es zu verschütten. Bis wir den wundervollen Platz verließen, blieb alles friedlich, bunt und so herrlich unkompliziert.
Der Auftakt zum 21. Juli
Schon früh am Morgen des 21.Juli waren Polizisten an symbolträchtigen Orten im Einsatz, vor allem vor der Kathedrale St. Michael und St. Gudula, wo die Königsfamilie sowie hochgestellte Persönlichkeiten am feierlichen Te Deum teilnahmen. Am Vorabend (siehe Fotos) hatten König Philippe und Königin Mathilde im NOVUM (Théatre Saint Michel) am Eröffnungskonzert des Belgischen National Orchesters teilgenommen.

Und wie im Vorjahr stürzte sich eine gutgelaunte Königsfamilie nach dem Te Deum ins Bad der Menge, ließ sich für Selfies ablichten, schüttelte ununterbrochen Hände und begrüßte einige Zuschauer, darunter deutschsprachige, in den drei Landessprachen. Und auch Englisch kam zum Einsatz.

An diesem Dienstag musste alles perfekt sein. Der Marsch, Pferde, die Gewehre, die Säbel und die Musik. Denn die Militärparade findet ja stets vor der Königsfamilie statt. Und nicht weniger als 1,500 Soldaten nahmen dran teil. Die Generalprobe der Fußkolonne fand auf dem Schlossplatz statt. Aber nicht nur das Militär trainierte und probte tüchtig im Vorfeld des Feiertags, sondern auch Drohnen. „Diese neue Technologie versuchen wir in die Parade einzubinden, denn Drohnen sind die Zukunft der Kriegsführung“, erklärte Generalmajor Jean-Pol Baugnée gegenüber Presservertretern. “Jeder braucht Drohnen, die Infanterie, Pioniere, die Artillerie“, fuhr er fort.
„Volksfeststimmung“
Der „Parc de Bruxelles“ bzw. „Warandepark“ und die umliegenden Straßen hatten sich derweil in eine riesige Partymeile verwandelt. Überall roch es nach frischen Waffeln und Pommes, während Kampfjets im Tiefflug über die Stadt knatterten, und die vor einigen Tagen sogar im Tiefflug über den Swimming Pool im Chateau St. Anne geflogen waren, dass mir ganz Angst und Bange wurde. Um 16.Uhr zog es dann die Menschenmassen auf die „Place des Palais“, wo das offizielle Spektakel startete. Die Königsfamilie schaute zu, wie das Militär, die Polizei und neben modernen auch Oldtimer-Militärfahrzeuge vorbeimarschierten. Bei der Flugschau flogen Flugzeuge von der britischen Weltkrieg-II-Spitfire bis zum modernen F-35 Kampfflugzeug über den Platz. Erstmals nahmen junge Drohnen-Kadetten an der Parade teil.
Finale „Jubelpark“
Als die Sonne unterging pilgerte „ganz“ Brüssel in den Jubelpark bzw. Parc Cinquantenaire, wo so gegen 20.00 Uhr die offizielle Megaparty stieg, an der die gesamte Königsfamilie teilnahm. Namhafte Künstler wie Pierre de Maere, der belgische Rapper Hamza sowie die bekannte Rockband Chinzu, um nur einige zu nennen, heizten auch hier die Stimmung auf. Im vergangenen Jahr war der Jubelpark trotz Regen bereits in den frühen Abendstunden proppenvoll, sodass viele Zuschauer – wie ich – aus Sicherheitsgründen nicht mehr reingelassen wurden. In diesem Jahr blieb die „Drache Nationale“ zwar aus, aber auch diesmal kam nicht jeder in den Jubelpark rein. Der wohl emotionalste und visuelle Höhepunkt folgte vor Mitternacht. Das traditionelle, stets spektakuläre Feuerwerk wurde durch eine einzigartige Drohnen-und Lasershow ergänzt, und perfekt von einem DJ-Set des weltbekannten belgischen Drum-and-Bass Produzenten Netsky synchronisiert. Und als die Lichter den Nachthimmel über dem Triumphbogen in den belgischen Nationalfarben erleuchteten, lag im Jubelpark ein kollektives Gefühl von Stolz und des Zusammengehörigkeitsgefühls in der Luft, das man in Belgien nicht immer verspürt.
König Philippes traditionelle Ansprache an die Belgier
Wie schon in den Vorjahren hat sich König Philippe auch in diesem Jahr wieder am Vortag des Nationalfeiertags mit einer Rede, die er in allen drei Landessprachen gehalten hat, an die Belgier gewandt. Auch in diesem Jahr standen wieder drängende gesellschaftliche und politische Fragen im Zentrum seiner Rede. Die aktuelle Hitzewelle und deren Auswirkungen vor allem auf Kinder, kranke und ältere Menschen, die nur schwierig zu lösenden Haushaltsprobleme, die Zusammenarbeit zwischen Flandern und der Wallonie, die herausfordernde Situation an den belgischen Schulen sowie die aktuellen Kriege sind die Dinge, die König Philippe in seiner Rede angesprochen hat. Abschließend unterstrich er: „Alle diese Probleme haben unterschiedliche Ursachen und unterschiedliche Folgen. Doch sie haben eines gemeinsam: Wir werden sie nur gemeinsam überwinden können – indem wir auf das bauen, was uns verbindet, statt auf das, was uns trennt.“
Die deutsche Version der Rede von König Philippe findet sich unter diesem Link (bis zum Video etwas runterscrollen).
Fotogalerie I
Fotos: Hanna Penzer
Fotogalerie II
Fotos: Jürgen Klute / Heide Newson








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