
Von Thomas A. Friedrich
Urlaubszeit – Reisezeit. Immer mehr europäische Bürger verwirklichen ihre Urlaubsträume mit einer Flugreise. Nach der Delle der Corona-Jahre ist der Boom am Himmel Europas wieder deutlich im Aufwind. Aber warum haben es gerade Europas größte Fluggesellschaften Air France, Deutsche Lufthansa und KLM im internationalen Wettbewerb immer schwerer, sich zu behaupten?
War Fliegen vor 50 Jahren noch ein Privileg, stellt es heute ein Massenphänomen dar. Mehr als 61 Millionen Passagiere nutzen allein das Drehkreuz des Frankfurter Flughafens jährlich für Ankunft, Abflug und Weiterreise. Die europäischen Flughäfen insgesamt verzeichneten in 2024 mit 2,5 Milliarden einen neuen Passagierrekord.
Zaventem mit rund 25 Millionen Passgieren weiter im Aufwind
Der Nationalflughafen Brüssel-Zaventem hat im Jahr 2024 knapp 24,5 Millionen Passagiere abgefertigt. Ohne die sieben nationalen Streiktage wären es nach Angaben des Flughafens etwa 275.000 mehr gewesen. Der finanzielle Schaden der Streiktage in Zaventem belief sich laut Airport auf rund 175 Millionen Euro.
Wie sieht ist mit der Wettbewerbsfähigkeit und Konnektivität angesichts zunehmendem Wachstum für die europäischen Airlines aus?
Dazu diskutierten in der hessischen EU-Landesvertretung in dieser Woche das Vorstandsmitglied der Deutschen Lufthansa, Dr. Kay Lindemann, Professor Yvonne Ziegler, Frankfurt University of Applied Sciences, sowie Dr. Florian Linke vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR).
„Wenn wir uns die USA und Europa als Fußball-Mannschaften vorstellen, dann müssen wir feststellen dass in Amerika die finanzielle Leistungsfähigkeit und Resilienz, sowie die Muskelstärke und Kondition nach oben gehen und bei uns in Europa nach unten zeigen. Das ist ein Befund, der schnellstens dafür sorgen muss, dass wir den Kurs verändern,“ brachte es Lindemann in seiner Keynote auf den Punkt.
Sicher sei Wirtschaft nicht alles, aber ohne wirtschaftliche Leistungskraft sei alles nichts, und seien Wohlstand in Deutschland und Europa nicht zu sichern. Die Lufthansa sei zwar mit 800 eigenen Flugzeugen und einer anhaltenden Flottenmodernisierung im globalen Kontext gut aufgestellt. Aber Deutschland und Europa hätten immer weniger vom Erfolg der Deutschen Lufthansa. Dabei seien viele Probleme hausgemacht. Deutschland weise nach drei Jahren wirtschaftlicher Stagnation die höchsten Standortkosten auf.
Lindemann: „EU-Klimapolitik ist über-ambitioniert“
Gleichzeitig richtete der Lufthansa-Manager den Scheinwerfer auf die europäische Klima- und Umweltpolitik als Belastungsfaktoren für die von europäischem Airports aus operierenden Carrier.
“Die EU-Klimapolitik ist nicht nur ambitioniert, sondern über-ambitioniert, in Teilen schlicht unrealistisch und einseitig“, so Lindemann. Als Jurist müsse er dies als „Inländer-Diskriminierung“ bezeichnen, weil die europäischen Airlines gegenüber anderen Fluggesellschaften deutlich benachteiligt würden.
Das Markenzeichen der europäischen Klimapolitik sei, dass die EU die eigenen europäischen Unternehmen schlechter behandele als die Wettbewerber außerhalb Europas. Darüber hinaus sei das Luftverkehrsabkommen ein weiterer Mühlstein an den Flügeln europäischer Airlines. Die südostasiatischen Destinationen wandernden daher immer stärker an den Golf und die Türkei mit dem Hub Istanbul ab.
Ziegler: „Low Cost Carrier erzielen zweistellige Margen“
Wie sich die aktuelle Gewinn- und Erlössituation der europäischen Fluggesellschaften darstellt, skizzierte Yvonne Ziegler von der Uni Frankfurt: Low Cost Carrier lamentieren zwar, stünden aber besser da als die Deutsche Lufthansa.
„Allen voran erzielen die low cost Carrier trotz vielen Lamentierens mit einer Marge von 18 Prozent (Ryanair) und auch Full Service Carrier wie British Airways sehen noch eine Gewinnmarge von 15 Prozent.“
Nicht so gut stünden derzeit die Lufthansa und auch Air France da, die derzeit eine einstellige Marge im unteren Bereich in ihren Bilanzen erzielten.
Linke: „Zahlungskräftige deutsche Passagiere befeuern den Luftverkehrsmarkt“
Wo Licht ist, ist auch Schatten, wusste DLR-Experte Linke beizusteuern. „Die gute Nachricht ist, Europa ist weiterhin weltweit ein attraktives Reiseziel. Deutschland als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt mit zahlungskräftigen Konsumenten als Passagiere, die um die Welt reisen, sind ein absolutes Plus für den Luftverkehrsmarkt und befeuern die anhaltend steigende Nachfrage“.
Kostendruck und bürokratische Auflagen führen zu Wettbewerbsverzerrungen
Auf der anderen Seite habe Europa mit einem hohen Preisniveau zu tun wie zum Beispiel den hohen Standortkosten in Deutschland und auch Österreich. Überdies führten die von der Kommission beschlossenen „Fit for 55“-Maßnahmen zu einer Wettbewerbsverzerrung und einem erhöhten Kostendruck für die europäischen Fluggesellschaften.
Neben den nicht zu leugnenden Kostennachteilen seien die europäischen Airlines überdies mit bürokratischen Hürden belastet, die sich ebenfalls im globalen Wettbewerb negativ auswirkten.
Die Rechnung „mehr Klimaschutz mehr Wohlstand“ sei bisher nicht aufgegangen. „Klimaschutzpolitik und Transformation haben im Gegensatz zu den Versprechungen der Politik bisher nicht zu mehr Wohlstand und Wachstum geführt, sondern sich zulasten der europäischen Unternehmen ausgewirkt. So habe die Politik glauben machen wollen, dass mit der Einführung von Quoten für nachhaltige Kraftstoffe die Produktion beflügelt werde. Diese Rechnung sei besonders bei anspruchsvollen Kraftstoffen wie „Power to Liquid“ bisher nicht aufgegangen, führte der Lufthansa-Repräsentant an.
Es sei nun an der Zeit nachzujustieren, was mit der neuen Losung des „Green Industrial Clean Deal“ nun im zweiten Mandat von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Eingang gefunden habe. Dies sei aber erst ein Anfang, der auch bei der Revision des Europäischen Emissionshandelssystem (ETS) und der geplanten Einbeziehung des Luftverkehrs (ETS 2) erst noch unter Beweis gestellt werden müsse.
Hierbei müsse vor allem Wettbewerbsneutralität zur Richtschnur für weitere gesetzliche Vorhaben auf EU-Ebene gemacht werden.
ETS und Re-Fuel Direktive belasten Europa
Die Anforderungen der Beimischung von alternativen Kraftstoffen erhöhten den Kostendruck auf die europäischen Unternehmen. Weitere regulatorische Maßnahmen müssten einem „impact assessment“, also einer Folgenabschätzung unterzogen werden, woran es in der Vergangenheit eher gemangelt habe, kritisierte Linke. Nicht der Klimaschutz, sondern die Wettbewerbsfähigkeit gelte es nun mehr in den Vordergrund zu rücken.
Welche Empfehlungen adressieren die Luftfahrt-Profis an die Brüsseler Behörde?
Für Yvonne Ziegler ist eine Verzahnung von Corsia und dem Europäischen Emmissionshandelssystem unverzichtbar. CORSIA ist ein globales System zur Verrechnung der CO2-Emissionen des internationalen Luftverkehrs, das die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO) 2018 eingeführt hat und an dem die EU seit 2021 in einer Pilotphase beteiligt ist. Die EU-ETS Einnahmen möchte die Professorin gezielt für Innovationen sowie Risikokapital für Start-Up Unternehmen in der Luftfahrt eingesetzt sehen.
Als wesentlichen Punkt der europäischen Hausaufgaben sieht Florian Linke vom Zentrum für Luft- und Raumfahrt den Abbau von bürokratischen Hürden, um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Fluggesellschaften zu verbessern.
Lufthansa-Vorstand Lindemann plädiert dafür, dass die europäischen Gesetzgeber künftig Wettbewerbsneutralität in den Fokus nehmen, um Wettbewerbsfähigkeit für die europäischen Airlines zu schaffen und Wettbewerbsverzerrungen von ihnen abzuwenden.
Der Moderator der Diskussion in der Landesvertretung, Detlev Fechtner von der Börsen-Zeitung, verstand es nach der thematischen Einführung von Hessens Europaminister Manfred Pentz gekonnt, die der Luftfahrtbranche unter den Nägeln brennenden Themen zu adressieren. Der Klimawandel und der Beitrag des Luftverkehrs dazu spielten dagegen kaum eine Rolle; es gibt dazu DLR Untersuchungen.
Iran-Krieg schlägt mit steigenden Kerosin-Preisen zu Buche
Jenseits europäischer Rahmenbedingungen holt jetzt auch der Irankrieg die Luftfahrt-Wirtschaft in Europa ein. Aufgrund der erheblich gestiegenen Kerosinkosten teilte die Lufthansa am Donnerstag die Stillegung von Flugzeugen mit.
Auch als Reaktion auf Streiks und hohe Kerosinkosten sollen als Erstes ab Samstag, 18. April, die 27 älteren Flugzeuge der Regionaltochter Cityline am Boden bleiben, wie das Unternehmen mitteilte. Die Lufthansa stoppt damit das Angebot der Cityline mit sofortiger Wirkung.







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