
Von Michael Stabenow (Text und Fotos) und Hanna Penzer (Fotos)
Wer den Rosenmontag nicht abwarten konnte, hatte auch in diesem Jahr die Gelegenheit, im Nachbarland Belgien schon einen Tag früher in die Magie der berühmten Karnevalsumzüge einzutauchen. Am bekanntesten sind die Feierlichkeiten im auf halbem Wege zwischen Brüssel und Gent gelegenen Aalst – im einheimischen Sprachgebrauch „Oijlst“ genannt. Was vielen Rheinländern der „Fastelovend“ ist, ist den Bewohnern der knapp 100.000 Einwohner zählenden flämischen Stadt der „Vastelauved“ oder „Vastenavond“.
Kein Wunder also, dass sich, bei allen Unterschieden zwischen der niederländischen und deutschen Sprache, für die Jecken aus beiden Landstrichen im Grunde keine Verständigungsprobleme ergeben – im Gegenteil: Die Art und Weise, wie in Aalst ironisch-sarkastisch, zuweilen auch sehr derb, die Kleinen und vor allem Großen in Stadt, Land und der ganzen Welt auf die Schippe genommen werden, kommt einem durchaus vertraut vor. Auch am Sonntagmorgen, wenige Stunden vor Beginn der 96. Ausgabe des seit 1923 mit wenigen Ausnahmen jährlich veranstalteten, aber schon im 15. Jahrhundert verwurzelten Umzugs durch die auch heute zum Teil noch mittelalterlich geprägte Innenstadt Aalsts, schien alles auf strahlende Festivitäten hinzudeuten.
Dazu kam es dann auch – aber anders, als sich dies nicht nur die auf mehr als 250 Vereine und Gruppierungen verteilten gut 5500 Teilnehmer des Umzugs mit der nicht enden wollenden Karawane prunkvoller Karnevalswagen das erhofft hatten. Der Blick auf die Wetterapps hatte viele eigentlich Schaulustige abgeschreckt. Und die Wetterfrösche, die offenbar an diesem Tag mit dem Sonnenschein auf Kriegsfuß standen, sollten Recht behalten. Noch während die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Umzugs in Bahnhofsnähe Aufstellung bezogen und die geladene örtliche und überörtliche Prominenz im prachtvollen Empfangssaal des Alten Rathauses einen Umtrunk samt Häppchen genoss, fielen statt Konfetti die ersten Schneeflocken zu Boden. Kurzerhand hatte Bürgermeister Christoph D´Haese noch verfügt, ein paar Streuwagen im Umzug verkehren zu lassen – was den rund sieben Kilometer langen Parcours zwar weniger weiß, dafür aber umso matschiger erscheinen ließ.
So wurden entlang des Umzugs an diesem Sonntag letztlich nur rund 50.000 Schaulustige gezählt – gegenüber 110.000 vor Jahresfrist. Wer aber trotz der widrigen Witterung gekommen war, ließ sich die gute Laune nicht verderben. Und da Bewegung bekanntlich für Wärme sorgt, war in der Aalster Innenstadt bis in die späten Abendstunden zwar nicht der Teufel, aber durchaus eine Menge los. Wo Kneipen, spontan geöffnete Garagentore oder auch Eingangstüren Schutz vor den Unbilden der Natur boten, sammelten sich Einheimische und Besucher zum heiteren, zum Teil auch feuchtfröhlichen Beisammensein.
Derweil zogen die in selbst geschneiderte farbenprächtige und originelle Outfits gekleideten Karnevalistinnen und Karnevalisten unverdrossen in Richtung des „Groeite Mert“ oder – zu Deutsch – Großen Markt. Am zentralen Platz der Stadt, der von altehrwürdigen Bauwerken wie dem auf das 13. Jahrhundert zurückgehenden „Schöffenhaus“, einst das Rathaus mit einem noch heute erhaltenen Belfried, und dem im 17. Jahrhundert errichteten Prachtbau namens „Amsterdamer Börse“ gesäumt ist, waren einige überdachte Tribünen aufgebaut worden. Diese leerten sich im Laufe des Nachmittags bedenklich, da viele der geladenen und nun arg fröstelnden Gäste es vorzogen, sich in das gut geheizte städtische Gebäude zurückzuziehen.
Auf dem Platz stundenlang ausharren musste und wollte sichtlich auch der diesjährige, in einem schmucken hellen Oldtimer ohne Verdeck am „Groeite Meert“ vorgefahrene Karnevalsprinz. Der 30 Jahre alte Joshi, in einem anderen Leben Berufssoldat bei der belgischen Luftwaffe, bewahrte in seinem schmucken bräunlich-grünen Outfit samt Kappe mit weit in die Höhe reichenden Königsfasanfedern Haltung und fast absolute Bodenhaftung. Bester Dinge, nur gelegentlich das eine oder andere Bein erhebend, nahm er die Honneurs der vorbeimarschierenden und -tanzenden sowie oft singenden Männer, Frauen und Kinder entgegen. Damit die festliche Kleidung nicht zu sehr Schaden nehmen konnte, hatte er sich eine durchschichtige Plastikhülle übergestülpt. Auch viele der Teilnehmer in den während der vergangenen Monaten in Hand- und Kleinarbeit gefertigten bunten Gewändern hatten im Schneegestöber irgendwie eines der im starken Kontrast dazu stehenden Plastikgewänder ergattern können.
Das galt nicht für die vielen Motivwagen mit zum Teil meterhohen Gestalten, die statt durch Plastik zunehmend durch eine Schneeschicht geschmückt waren. Die Motive sind aus anderen Karnevalshochburgen bekannt. Abgearbeitet haben sich die Karnevalistinnen und Karnevalisten nicht zuletzt am Aalster Bürgermeister; aber auch Mitglieder der flämischen Regional- und der belgischen Föderalregierung, darunter ein zur Drohnenjagd blasender Verteidigungsminister Theo Francken, bekamen ihr Fett ab. Auch die neue Rektorin der Genter Universität, die Grünen-Politikerin Petra De Sutter, die sich bei einem Vortrag mit künstlicher Intelligenz hervorgezauberter schiefer Zitate bedient hatte, musste für Spott herhalten. Dass die vielen jüngsten Proteststreiks, nicht zuletzt im öffentlichen Verkehr, gegen die Sparpolitik der Arizona-Koalition durchaus auch für Verärgerung über die Gewerkschaften beigetragen haben, dürfte aufmerksamen Zuschauern nicht entgangen sein. Nicht fehlen durfte im Umzug, wie die Grönland-Gelüste des amerikanischen Präsidenten Donald Trump aufs Korn genommen wurden.
Aber auch in Aalst ging es an diesem Sonntag keineswegs nur um die „Große Politik“. Wer die farbenprächtigen Kostüme bewundern und die Freude in den Augen vorbeiziehender Kleineren und Größeren erkennen konnte, verspürte etwas: An „Vastelauved“ oder „Vastenavond“ ging es um mehr als nur um ausgelassene Heiterkeit der Mitglieder von Trachtengruppen und das – an diesem Tag gründlich misslungene – Austreiben des Winters – es ging zweifellos auch um das Zusammengehörigkeitsgefühl von Menschen in Zeiten sicherlich auch in Aalst spürbarer großer gesellschaftlicher Umwälzungen.







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