
Von Jürgen Klute
Die Einmischung des US-Botschafters Bill White in die belgische Innenpolitik hat weitere Wellen in der belgischen Öffentlichkeit geschlagen. Politik, Medien und auch Wissenschaftler haben aus unterschiedlichen Perspektiven die Einmischung als Angriff auf den Rechtsstaat zurückgewiesen.
Zunächst war nicht klar, wie es zu der Einmischung gekommen war. Der gebürtige Antwerpener N-VA-Politiker und föderale Abgeordnete Michael Freilich, der zur orthodoxen jüdischen Gemeinde gehört, stand jedoch von Anfang an im Verdacht, seine Finger im Spiel gehabt zu haben. Mittlerweile hat er auch bestätigt, dass er in den Vereinigten Staaten das Thema der Auseinandersetzung – die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Antwerpen gegen drei orthodoxe Beschneider, denen vorgeworfen wird, Beschneidungen durchgeführt zu haben in einer Weise, die belgischem Recht widerspricht – mit „hochrangigen [politischen] Beratern“ angesprochen habe. Er betont jedoch, keinen Druck auf die Gesprächspartner ausgeübt zu haben, um sich in die Rechtssache einzumischen, wie De Morgen in dem am 19. Februar veröffentlichten Artikel “‘Onze rechten zijn in gevaar’: zo veroorzaakte lobbywerk rond Joodse besnijdenissen een diplomatieke rel met de VS” schreibt.
Ein diplomatischer Konflikt mit langem Vorlauf
Dieser Artikel leuchtet die Entstehungsgeschichte dieses diplomatischen Konflikts näher aus. Demnach reicht die Vorgeschichte zurück bis ins Frühjahr 2023, als die zehnteilige Dokumentation „Shalom allemaal!“ von Diederik Van den Abeele in Belgien ausgestrahlt wurde. Dort wurde unter anderem eine traditionelle jüdisch-orthodoxe Beschneidung gezeigt, die nicht im Einklang stand mit belgischem Recht. Das führte zu den besagten Anschuldigungen und Untersuchungen der Antwerpener Staatsanwaltschaft gegen drei Rabbiner – bis hin zu Hausdurchsuchungen.
Im Herbst 2025 nahm der Vorsitzende des Zentralen Israelischen Konsistoriums Belgiens als offizielle Vertretung des Judentums in Belgien, Philippe Markiewicz, Kontakt zum belgischen Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke (Vooruit) auf. Dies führte allerdings nicht zu dem von Markiewicz erhofften Ergebnis.
Als die Hausdurchsuchungen stattfanden, hielt sich N-VA-Parlamentsmitglied Michael Freilich in den USA auf und brachte dort das Thema auf die Tagesordnung mit Gesprächspartnern.
Dann kam der Fall auf die Tagesordnung der European Jewish Association (EJA), einer jüdischen Lobbyorganisation mit Sitz in Brüssel. Freilich ist dort wiederum als „Sonderbeauftragter für interreligiösen Dialog und Holocaust-Bildung” engagiert.
Dann folgte Im Juli 2025 ein Brief der EJA an die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, in dem diese auffordert wurde, Belgien zu rügen. Zudem nahm die EJA Kontakt mit Olivér Várhelyi auf, dem aus Ungarn kommenden EU-Kommissar, der unter anderem für Gesundheit zuständig ist. Er sprach das Thema „Antwerpen“ gegenüber Vandenbroucke zwar an, letzterer blieb aber bei seiner Haltung, sich im Sinne der Gewaltenteilung nicht in das laufende Verfahren der Staatsanwaltschaft einzumischen.
Der nächste Schritt war die Einladung des neuen US-Botschafters in Belgien, Bill White, zur Chanukka-Feier in Antwerpen Mitte Dezember 2025. EJA-Präsident Menachem Margolin nutzte die Gelegenheit, White auf den Rechtsstreit um die Beschneidungspraktiken der drei Antwerpener Rabbiner anzusprechen. Damit wurde offensichtlich der entscheidende Anstoß zum aktuellen diplomatischen Streit gegeben. Als nächsten Schritt planen Margolin, White und Várhelyi laut De Morgen am 5. März einen Besuch bei den besagten Rabbinern in Antwerpen. Die israelische Regierung begrüßte mittlerweile das Engagement von White.
Die Eskalation geht weiter
Inzwischen hat der amerikanischen Botschafter auf X für Conner Rousseau, dem Vorsitzenden der flämischen Sozialisten (Vooruit), die ebenfalls der Arizona-Regierung angehören, in einem am 21. Februar veröffentlichten Interview mit der belgischen Zeitung „Het Nieuwsblad“ ein – inzwischen bestätigtes – Einreiseverbot in die USA angekündigt. Rousseau wird vorgeworfen, sich nicht für seinen Vergleich von Trump mit Hitler entschuldigt und auch nicht den entsprechenden Post auf Instagram gelöscht zu haben. Schon zuvor hatte White Rousseau mangelndes historisches Wissen vorgeworfen und ihn daran erinnert, dass amerikanische Truppen Belgien zweimal von der deutschen Besatzung befreit hätten. In einem Brief an den belgischen Außenminister Maxime Prévot (Les Engagés), den „Het Nieuwsblad“ am 19. Februar veröffentlichte, ging White sogar so weit, die belgische Regierung aufzufordern, die Aussagen von Rousseau zu verurteilen. White vergaß dabei nicht, an die Grundsätze der US-Außen- und Sicherheitspolitik zu erinnern, die von Außenminister Marco Rubio kürzlich auf der Münchener Sicherheitskonferenz noch einmal dargelegt und erläutert wurden. Gegenüber „Het Nieuwsblad“ bestätigte White auch, gegen Rousseau vorzugehen – das Blatt sprach in diesem Zusammenhang von Whites „diplomatischen Abbrucharbeiten“ (diplomatieke sloopwerk).
Bereits am 17. Februar war White in das belgische Außenministerium einbestellt worden, so „Het Nieuwsblad“ weiter – er musste, wie im Niederländischen formuliert wird, „auf die Matte kommen“ („op het matje komen“). Man habe ihm dort unter anderem zu verstehen gegeben, dass es nicht Aufgabe der belgischen Regierung sei, sich in die Meinungen von Politikern einzumischen. Wie und wann man auf das inzwischen verhängte Einreiseverbot für Rousseau reagieren werde, dazu wollte sich das Außenministerium zunächst nicht äußern.
In seinem Interview mit „Het Nieuwsblad” trat White noch einmal nach und warf Rousseau vor, dass dessen Äußerungen zu Trump als Aufruf zu einem Anschlag verstanden werden könnten: „Ich denke vor allem an die Gesundheit und Sicherheit meines Präsidenten. Es ist geradezu gefährlich, Präsident Trump mit Hitler zu vergleichen. Es gab bereits zwei Attentate auf ihn. Was, wenn ein kranker Geist wirklich glaubt, dass Präsident Trump genauso schlimm ist wie Hitler, und erneut ein solches Attentat verübt“, fragte White.
Belgische Medien zeigen sich widerständig
„De Standaard“ titelte am 18. Februar: „US-Botschaft spielt belgische Politiker gegeneinander aus: ‚Das ist politische Rekuperation.‘“ In typisch flämischer Bildsprache heißt es in dem Artikel, dass der amerikanische Botschafter in den vergangenen Tagen in Brüssel “einen Knüppel in den Hühnerstall” geworfen habe. Damit folge er dem Beispiel seiner Kollegen unter anderem in Polen und Frankreich. Mit einer Politik der Einmischung und der offenen Unterstützung bestimmter Parteien hoffe die Trump-Regierung, so die Schlussfolgerung von De Standard, dass die radikale Rechte in Europa an möglichst vielen Orten an die Macht komme. Die belgische Politik reagiere sofort gespalten auf den Vorwurf des „Antisemitismus”, den White am Montag erhoben hatte.
Weiterhin berichtete De Standaard, dass die N-VA aufgrund der Aktivitäten von Michael Freilich, der in Antwerpen viele Wählerinnen und Wähler für seine Partei anzieht, unter Druck gerate. Der Vorsitzende der flämischen Christdemokraten (CD&V), Sammy Mahdi, dessen Partei wie die N-VA zur Arizona-Regierung gehört, nannte Freilichs Vorgehen unannehmbar und forderte Konsequenzen.
Die N-VA Vorsitzende Valerie Van Peel erinnerte gegenüber De Standaard daran, dass ihre Partei für eine Trennung von Staat und Kirche eintrete und sich zudem dafür einsetze, dass die Kosten für medizinisch nicht notwendige Beschneidungen nicht mehr von den Krankenkassen erstattet werden.
Zwischenzeitlich hat sich der Vorsitzende einer weiteren Partei der Arizona-Regierung zu Wort gemeldet: der Vorsitzende der französischsprachigen Liberalen (MR), Georges-Louis Bouchez. In Het Nieuwsblad vom 19. Februar hieß es: „Inzwischen mischt sich auch Georges-Louis Bouchez (MR) in die Hetze ein. ‚Es ist falsch, das wichtige Problem des Antisemitismus in Belgien zu leugnen. Ja, die Probleme existieren, und sie werden manchmal von bestimmten politischen Parteien aufrechterhalten‘, wollte der Liberale am Mittwochabend auf X loswerden. Er schloss mit einem Seitenhieb auf Rousseau: “Ein befreundetes Land und seine Regierung zu beschimpfen, reicht nicht aus, um unsere eigenen Fehler zu verbergen.“ Die Antwort von Rousseau ließ nicht lange auf sich warten: „Es überrascht mich nicht, dass Bouchez sich auf die Seite des Botschafters und von Trump stellt.‘“
Neben der hochstrittigen Haushaltskonsolidierung zeichnet sich hier also eine weitere Herausforderung für den belgischen Regierungschef Bart De Wever (N-VA) ab.
Die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA als Konflikt-Drehbuch
Sowohl De Standaard als auch De Morgen gehen in ihren Analysen davon aus, dass es sich bei diesem Konflikt keineswegs um eine Zufälligkeit handelt. De Standaard verweist darauf, dass sich die US-Botschafter in Frankreich und in Polen ebenfalls intensiv in innenpolitische Angelegenheiten der beiden Länder eingemischt hätten. Der Botschafter in Paris, Charles Kushner (der Vater von Trumps Schwiegersohn Jared), habe die französische Regierung aufgrund ihrer Kritik am Vorgehen der israelischen Regierung im Gaza-Krieg angegriffen, wie der Chef-Kommentator von De Morgen, Bart Eeckhout, schreibt. Der amerikanische Botschafter in Polen griff hingegen den polnischen Parlamentspräsidenten Wlodzimierz Czarzasty an, da dieser öffentlich geäußert hatte, dass Donald Trump keinen Friedensnobelpreis verdient hätte – obgleich der amerikanische Präsident diesen mehrfach für sich eingefordert hatte.
Diese beiden Interventionen, darauf verweist Eeckhout desweiteren, fanden im Umfeld von Wahlen statt. Ziel der Interventionen war offenbar, die jeweiligen rechtsextremen Parteien zu stützen, was aus Sicht von De Morgen-Chefkommentator Eeckhout durchaus im Sinne der neuen, Ende 2025 veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie der USA liegt.
Seine Kollegen von De Standaard sehen das ganz ähnlich („Bewuste strategie van regering-Trump: niet alleen in België zoeken Amerikaanse ambassadeurs de confrontatie op“, 18. Februar). Dass White sich wie ein Elefant im Porzellanladen benehme, solle nicht überraschen, schreibt das Blatt. Wörtlich heißt es weiter: „Dass White den Druck auf die belgische Regierung erhöht, sollte nicht überraschen. Das passt zu einer bewussten Strategie der Trump-Regierung. Diese will die europäische Politik nach ihrem Maga-Bild formen, und dafür können auch die von Trump ernannten Botschafter eingesetzt werden. Das sind meist keine Karrierediplomaten, sondern Freunde von ihm.“
Am Ende kommt auch De Standaard zu dem Schluss: „Trump will also, dass in möglichst vielen Ländern Europas die radikale Rechte an die Macht kommt. In der jüngsten amerikanischen Sicherheitsstrategie heißt es wörtlich, dass das Ziel darin bestehen muss, ‚den Widerstand gegen den derzeitigen Kurs innerhalb der europäischen Nationen zu schüren’.“
Im Spanungsfeld zwischen Religionsfreiheit und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit
Belgische Zeitungen richten ihren Blick auch auf die jüdische Seite. De Morgen hat am 20. Februar eine von Simon Tibo und Bruno Struys verfasste Reportage über den Widerhall dieser Debatte in der jüdischen Gemeinde in Antwerpen veröffentlicht („‘Als besnijdenissen hier verboden worden, zullen we naar de Amerikaanse ambassade moeten’: bij de joodse gemeenschap in Antwerpen“ – 20. Februar). Deutlich wird dabei, dass die Beschneidung für Juden aller religiösen Ausprägungen eine essentielle Bedeutung hat. Über die Art, wie eine Beschneidung durchgeführt werden sollte, gibt es allerdings unterschiedliche Sichtweisen.
Lieven Sioen verweist in De Standard (De terechte ophef over de ongeoorloofde inmenging van de Amerikaanse ambassadeur in de Belgische rechtsgang verschuift naar de veel heikeler discussie over religieuze besnijdenis. Die is gebaat bij precisie en nuance. – 18. Februar) ebenfalls auf Sorgen jüdischer Bürger in Antwerpen: „Wenn es illegal würde, ein Kind zu beschneiden, dann würde es für Juden wirklich schwierig oder fast unmöglich werden, in Belgien zu leben“, zitiert er den Autor und Chef-Koch Tulli Padwa und nimmt dessen Aussage als Beispiel dafür, wie toxisch das Auftreten und Agieren von Botschafter White wirke, wenn dieser eine gerichtliche Untersuchung aufgrund eines Verdachts illegal durchgeführter Beschneidungen als antisemitisch brandmarke.
Weiter argumentiert Sioen: „Abgesehen von der unzulässigen Einmischung in die belgische Rechtspflege vergiftet er damit eine Debatte, die mit großer Sorgfalt und Fingerspitzengefühl geführt werden muss. Wie lässt sich Religionsfreiheit mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit vereinbaren? Das ist doch eine andere Frage als die illegale Ausübung einer medizinischen Tätigkeit und die Verletzung der Unversehrtheit von Kindern, um die es in der gerichtlichen Untersuchung geht. Nur böswillige Menschen ziehen Nutzen aus einer Vermischung dieser Themen, die White und andere betreiben.“
In seiner Argumentation wird er von Marc Van Ranst, einem anerkannten Virologen an der Universität Löwen, in dessen Kolumne vom 20. Februar in De Morgen unterstützt (Niet-medische besnijdenissen zijn onverantwoord en ethisch onaanvaardbaar. Punt. – 20. Februar).
Generell, das betonen beide Autoren, seien Beschneidungen in Belgien zulässig, aber da es sich um einen medizinischen Eingriff handele, seien medizinische Fachkenntnisse erforderlich und die Durchführung müsse unter hygienisch einwandfreien Bedingungen erfolgen. Das Problem der illegalen Beschneidung bestehe darin, dass sie von medizinischen Laien übernommen werde. Und um die Blutung nach der Beschneidung zu stillen, sauge der traditionelle Beschneidet den beschnittenen Penis solange, bis die Blutung ende. Das sei zu Zeiten, als dieser Ritus in alttestamentlicher Zeit eingeführt worden sei, wahrscheinlich die einzige Möglichkeit gewesen, die Blutung so schnell wie möglich zu stillen. Doch mit der Methode seien gesundheitliche Risiken verbunden. Es gebe immer wieder Fälle von Infektionen, die in Einzelfällen sogar tödlich endeten. Aus statistischer Sicht sei die Zahl dieser tragischen Fälle bedeutungslos. Aus medizinisch-ethischer Sicht sei selbst eine äußerst geringe Anzahl solcher Fälle nicht akzeptabel angesichts der Tatsache, dass sie aus medizinischer Sicht vermeidbar seien. So argumentieren beide Autoren.
Selbst in Israel steht diese traditionelle Beschneidungsmethode in der Kritik, wie einem Artikel aus De Morgen vom 13. August 2012 („Kinderartsen willen einde aan bloedzuigen na besnijdenis“) zu entnehmen ist. Auch in Israel treten Mediziner dafür ein, dass Beschneidungen nur von fachlich qualifizierten Beschneidern durchgeführt werden.
Eine weitergehende Frage ist, ob es aus ethischer Sicht akzeptabel ist, acht Tage alten männlichen Babys die Vorhaut zu entfernen. Denn es ist ein irreparabler Eingriff in die körperliche Integrität eines Menschen, der sich selbst dazu in dem Alter noch nicht verhalten kann.
„Selbstverständlich muss auch eine Debatte über die Beschneidung von Männern und insbesondere Jungen geführt werden können“, so schließt der Beitrag von Sioen. „Die Wissenschaft ist sich nämlich einig, dass dieser Eingriff durchaus Risiken birgt und Auswirkungen auf das sexuelle Erleben hat. Der belgische Beratende Ausschuss für Bioethik empfahl daher 2017, die Beschneidung nur bei Volljährigen zuzulassen. „Dies ist allerdings ein Thema, das im Dialog und im Vertrauen mit der Gemeinschaft diskutiert werden muss und das im Laufe der Zeit evaluiert werden wird. Es ist keine Diskussion, die man schnell auf X anstößt, mit der Plumpheit des Botschafters“, erklärte der Ausschuss.
Zumindest im Blick auf die medizinisch korrekte Durchführung haben die beiden Autoren in dem orthodoxen Antwerpener Rabbiner Mosche A. Friedman einen prominenten Unterstützer. Das geht aus einem aktuellen Artikel der belgischen Zeitschrift Humo hervor, in dem Friedman sogar behauptet, dass in Antwerpen alle Beschneidungen nach dem illegalen traditionellen Ritus erfolgten (Rabbijn Moshe Friedman over de besnijdenisrel en Bill White: ‘In Antwerpen wordt geen enkele joodse rituele besnijdenis uitgevoerd zónder orale zuiging’ – 21. Februar).
Schlussfolgerungen
Zwei vorläufige Schlussfolgerungen lassen sich aus dieser unschönen Debatte ziehen.
Im Blick auf die aufgeworfene Frage nach einer Versöhnung von Religionsfreiheit und den teils dazu in Spannung stehenden rechtsstaatlichen Normen zum Schutz der körperlichen Integrität müssen jüdische Theologen klären, ob die Beschneidung als solche konstitutive für das Jüdisch-sein ist, oder die Technik der Beschneidung? Aus Sicht liberaler Juden ist es die Beschneidung als solche, für bestimmte orthodoxe jüdische Gemeinschaften reicht die Beschneidung als solche nicht. Mosche Friedman, der sich selbst zur orthodoxen jüdischen Gemeinschaft zählt, stellt das Kindeswohl ins Zentrum und argumentiert daher für eine moderne medizinisch-fachliche Durchführung einer Beschneidung.
Die zweite Schlussfolgerung richtet den Blick noch einmal auf White. Er stellt sich als Verteidiger der Juden dar. Tatsächlich will er offenbar – ganz im Sinne der neuen außenpolitischen Richtlinie von Donald Trump von 2025 – ihren wichtigsten Schutz zerstören: den Rechtsstaat, der allem Minderheiten verlässlichen Schutz bietet. Statt des Rechtsstaates bietet White die Abhängigkeit vom Wohlwollen eines kaum berechenbaren autoritären Machthabers.
Nachbemerkung
Auch im Islam ist die Beschneidung eine übliche Praxis. Allerdings hat sie nicht den konstitutiven Charakter wie im Judentum, denn nach islamischer Lehre ist jeder Mensch von Geburt an Muslimin oder Muslim. Will jemand zum Islam übertreten, dann geschieht das durch das Aussprechen der Schahada, des Glaubensbekenntnisses: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah, und dass Muhammad der Gesandte Allahs ist.“ Die Beschneidung hat daher im Islam eher einen bestätigenden Charakter. Die Frage nach der Beschneidungsmethode spielt daher – anders als im (orthodoxen) Judentum – keine Rolle. Muslimische Beschneidungen werden in der Regel – ganz im Sinne der belgischen Rechtslage – durch einen Mediziner in Gegenwart eines muslimischen Geistlichen durchgeführt. Daher spielt die aktuelle Beschneidungsdebatte für die muslimische Gemeinschaft in Belgien keine große Rolle.
Siehe auch den Belgieninfo-Artikel vom 18. Februra 2026 „Belgien im Visier der US-Politik“.







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