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“Jetzt kann ich nicht länger schweigen” – Interview mit Moshe Friedman

Moshe A. Friedman; Foto: Aurélie Geurts

Ich habe es immer vermieden, mit Freilich in Konflikt zu geraten, aber jetzt kann ich nicht länger schweigen.“

Nie zuvor hat es so etwas gegeben: Ein US-Botschafter, der die belgische Regierung unter Druck setzt, eine gerichtliche Untersuchung ritueller jüdischer Beschneidungen einzustellen. Nicht nur der Vooruit-Vorsitzende Conner Rousseau befindet sich auf Kollisionskurs mit Bill White, auch Rabbiner Moshe Friedman (54), der den Fall bereits 2023 vor Gericht gebracht hat, geriet ins Visier. „Man redet über mich, um nicht über den Inhalt sprechen zu müssen.“

Von Montasser AlDe’emeh* 

Rabbi Moshe Friedman hat an vielen Orten gelebt und gearbeitet. Selten verlief das harmonisch. Das ist auch nicht verwunderlich: Er stammt aus einer orthodoxen Familie, die immer hartnäckig gegen den Strom gerudert ist.

Moshe Friedman: „Ich wurde in Brooklyn, New York, als Spross der Sattmarer geboren, einer ultraorthodoxen, chassidischen und antizionistischen Gemeinschaft mit ungarischen und rumänischen Wurzeln, die von meiner Familie gegründet wurde. Wir haben uns immer gegen die Gründung Israels auf palästinensischem Gebiet gewehrt, weil die Thora dies verbietet. Bis zu meinem 13. Lebensjahr lebte ich in Brooklyn. Danach bin ich auf Umwegen über London und die Schweiz nach Österreich gekommen. Meine Frau ist halb Österreicherin, halb Belgierin. Wir haben acht Kinder: vier sind in Österreich geboren, vier in Belgien. Meine Schwiegereltern betrieben in Salzburg das einzige koschere jüdische Hotel Europas.”

Nach Ansicht einiger Juden sind Sie kein Rabbiner.

Friedman: „Das ist Unsinn. In Österreich war ich offiziell als Rabbiner und Oberrabbiner anerkannt. Vor einigen Jahren habe ich beschlossen, Rabbiner zu bleiben, aber ohne leitende Funktion in der Synagoge. Ich habe meinen Titel noch, stehe nur nicht mehr an der Spitze einer Gemeinde. Die darüber kursierenden Gerüchte sollen mir schaden.“

„Die jüdische Gemeinde in Antwerpen steht unter der Herrschaft eines diktatorischen Systems, und niemand wagt es, sich dagegen zu wehren.“

Es bleibt nicht bei Gerüchten, Sie wurden auch körperlich angegriffen.

Als ich Rabbiner in Wien war, hat mich ein Agent des israelischen Geheimdienstes Mossad mit einem Gewehr bedroht. Die Täter wurden schließlich dafür schwer verurteilt. Einige Jahre später wurde ich Opfer eines glücklicherweise gescheiterten Entführungsversuchs in Italien. Dass ich heute hier vor Ihnen sitze, ist ein göttliches Wunder.

Warum sind gerade Sie so ein prominentes Ziel?

Friedman: „Für Zionisten bin ich ein Worst-Case-Szenario: ein Jude, der selbstständig denkt und seine Meinung sagt. Ich wehre mich gegen Missstände in meiner Gemeinschaft, aber auch dagegen, wie die Zionisten die Palästinenser behandeln. Deshalb wollen sie mich fertigmachen. Sie nehmen mich als Person ins Visier, um die inhaltliche Diskussion zu vermeiden. Das zeigt, wie wenig sie von Meinungsfreiheit, Demokratie und Freiheit verstehen.

SCHLÄCHTER UND METZGER

Jetzt werden Sie erneut heftig kritisiert, weil Sie sich gegen rituelle Beschneidungen aussprechen.

Friedman: „Es geht mir nicht um die Beschneidung an sich, sondern durch Personen ohne anerkannte medizinische Ausbildung. Wir sprechen von Menschen, die im Alltag Schlachter oder Metzger sind und nebenbei Neugeborene beschneiden. Sie haben vielleicht eine religiöse oder spirituelle Ausbildung, aber keine Kenntnisse von Hygiene, Infektionsprävention und Chirurgie. Das macht diese Praxis zu einem schweren Straftatbestand. Es sind bereits Kinder gestorben, auch in unserem Land.”

Was sind die konkreten Risiken?

Friedman: „Es sind Fälle bekannt, in denen Neugeborene während des oralen Saugens nach der Beschneidung mit HIV oder Herpes infiziert wurden. Bei der Metzitzah b’peh, einem jüdischen Beschneidungsritual, saugt der Mohel (die Person, die die Beschneidung durchführt, Anm. d. Red.) nach dem Eingriff das Blut aus der Wunde. Das ist abscheulich und völlig inakzeptabel, insbesondere bei Neugeborenen.“

In “De Standaard” sagte Regina Sluszny, die Vorsitzende des Forums der jüdischen Organisationen: „Dies ist eines der wichtigsten Gesetze des jüdischen Volkes, und wir ändern unsere Gesetze nicht.“

Friedman: „Diese abscheulichen Praktiken haben nichts mit den Gesetzen zu tun. Es ist irreführend, das orale Absaugen als Tradition zu bezeichnen. Das zweite der 613 Gebote befasst sich mit der Beschneidung, und darin gibt es keine Vorschrift zum oralen Absaugen. Im Talmud ist zwar davon die Rede, eine Beschneidungswunde „sauber zu saugen”, aber nirgendwo wird festgelegt, dass dies mit dem Mund geschehen muss.”

Aber in Antwerpen wird dies bis heute immer noch praktiziert.

Friedman: In Antwerpen ist die orale Absaugung die Norm. Die dortige jüdische Gemeinde ist eine der radikalsten der Welt, nirgendwo ist die Situation so schlimm: Keine einzige rituelle Beschneidung findet ohne diese abscheuliche Praxis statt.

Keine einzige?

Friedman: „Weder bei den orthodoxen Juden noch bei den modern-orthodoxen oder säkularen Juden. Viele ultraorthodoxe Synagogen haben im Keller eine Mikwe, ein rituelles jüdisches Bad, in dem sich viele Menschen unter unhygienischen Bedingungen waschen – entgegen allen gesetzlichen Hygienevorschriften.“

Gibt es keine jüdischen Ärzte für das Beschneidungsritual?

Friedman: „Seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Die jüdischen Ärzte in Antwerpen weigern sich, dies zu tun, aus deontologischen[**] Gründen und da sie Angst vor Drohungen radikaler Elemente haben. Die grausame Praxis zwingen Gangster auf, die die biblischen Vorschriften missbrauchen, um viel Geld zu verdienen, und niemand wagt es, dagegen vorzugehen. Die jüdische Gemeinde in Antwerpen befindet sich im Griff eines diktatorischen Systems.

2024 hat mich eine Familie kontaktiert. Sie wollten ein Beschneidungsritual in Antwerpen ohne orale Absaugung. Ich habe nur einen Rabbiner gefunden, der so arbeitete, aber er hat sich geweigert. Die einzige Möglichkeit war, nach Brüssel zu gehen, wo zwei Rabbiner als Beschneider arbeiten. Aber dort wurde uns mitgeteilt, dass es verboten sei, ein Kind aus Antwerpen in Brüssel beschneiden zu lassen. Ich habe mich dann an das Zentrale Israelitische Konsistorium Belgiens gewandt, das vermittelt hat, sodass die Beschneidung schließlich doch stattfinden konnte. Die Möglichkeiten jüdischer Familien in Antwerpen werden absichtlich beschränkt, damit sie auf die dort tätigen Sekten angewiesen bleiben.“

Auch Ihre Familie?

Friedman: „Ich selbst bin Opfer dieser schädlichen Praxis, ebenso wie meine drei Söhne. Deshalb habe ich den Kampf für ein Verbot zu meinem Lebenswerk gemacht.“

Neugeborene Babys, die in großer Zahl mit Herpes und HIV infiziert werden. Darum geht es in dieser Angelegenheit, mit Antisemitismus hat das nichts zu tun.“

Warum haben Sie so lange gewartet, eine Klage einzureichen?

Friedman: „Es ging mir nicht nur um die Klage. Ich wollte, dass sich vor Ort wirklich etwas ändert. Deshalb habe ich 2023 zunächst ein Netzwerk aufgebaut und Lobbyarbeit betrieben, um einen breiten Konsens zu schaffen. Ich war angenehm überrascht von der Reaktion der flämischen und föderalen Politiker, vor allem als mir gesagt wurde, dass keine Gesetzesänderung erforderlich sei: Die Gesetzgebung zur Beschneidung ist ausgezeichnet, viel besser als in anderen Ländern – für mich ein wichtiger Anstoß, weiterzumachen.

Im November 2023 reichte ich in Antwerpen und wenig später in Brüssel Zivilklagen ein: gegen die beteiligten Beschneider, gegen die gemeinnützigen Vereine und gegen das Gesundheitsministerium. Es ging um schwerwiegende Vorfälle: vorsätzliche Körperverletzung und Verletzungen von Neugeborenen, Kindesmisshandlung, illegale Ausübung medizinischer Tätigkeiten, willkürliche medizinische Eingriffe, versuchten Totschlag, gefährliche und unhygienische Badepraktiken in den Kellern von Synagogen, mutmaßlichen Amtsmissbrauch sowie Verschleierung von Informationen durch einige Ärzte und Krankenhäuser.“

Wurden diese Klagen schnell bearbeitet?

Friedman: „Alles hat sich beschleunigt, als der damalige Justizminister Vincent Van Quickenborne eine Beschwerde eingereicht hatte, nachdem ich ihm eine E-Mail geschickt hatte. Das sagt viel über den Ernst der Lage aus.”

Der amerikanische Botschafter Bill White hat diese Untersuchung als „lächerliche und antisemitische Verfolgung von drei jüdischen Beschneidern in Antwerpen” bezeichnet.

Friedman: „Dies ist kein Angriff auf die Religion, hier geht es um den Schutz von Kindern. Neugeborene, Babys, die in großer Zahl mit Herpes und HIV infiziert werden, gefährliche Infektionen, die Todesopfer gefordert haben. Mit Antisemitismus hat das nichts zu tun.

Bevor er Botschafter in Belgien wurde, lebte White viele Jahre in New York. Um 2012 wurden dort acht jüdische Kinder während einer Beschneidungszeremonie mit Herpes infiziert, einige sind gestorben. Mehrere Beteiligte mussten sich vor Gericht verantworten.

Jetzt, fast fünfzehn Jahre später, kommt Bill White aus New York und behauptet ungeniert, dass Juden in Belgien nicht korrekt behandelt und nicht ausreichend geschützt werden. Also versucht er, Politiker unter Druck zu setzen, darunter Justizministerin Annelies Verlinden – ein schwerwiegender Angriff auf Belgien, auf die Justiz und die Souveränität des Landes.“

White bezeichnete Sie als umstrittene Person, die in mehreren Ländern für Aufruhr sorgt.

Friedman: „Das stimmt nicht. Ich bin nur im Bereich des interreligiösen Dialogs tätig. Meine Aktivitäten zum Schutz jüdischer Kinder sind keineswegs radikal. Ich bin jedoch mit radikalen und gefährlichen jüdischen Sekten konfrontiert, von denen einige so mächtig sind, dass sie sogar versuchen, Präsident Trump zu beeinflussen. Ich habe nur eine einfache Frage: Sorgt der Rechtsstaat dafür, dass Kinder geschützt werden und gesund aufwachsen?“

White nennt Sie „eine äußerst radikale Person“, die „Verbindungen zum iranischen Präsidenten“ habe.

Friedman: “Ich habe keinerlei Kontakt mit ihm.”

2006 haben Sie aber an einer Konferenz in der iranischen Hauptstadt Teheran teilgenommen, die vom damaligen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad organisiert wurde: der “International Conference to Review the Global Vision of the Holocaust”. Das klingt nach Revisionismus, vielleicht sogar nach Negationismus.

Friedman: „Einer der Gründe, warum ich die Einladung angenommen habe, war, dass ich als Rabbiner in Wien viele iranische Juden unterstützt habe. Übrigens, darf ich mich als jüdischer Rabbiner nicht zum Holocaust äußern? Meine Leidenschaft ist der interreligiöse Dialog. Man versucht nur, mir einen Maulkorb zu verpassen und mich unter Druck zu setzen, weil ich mich gegen Kindesmisshandlung bei Beschneidungen ausspreche.“

Sind die Äußerungen von Bill White nun ein Grund, ihn des Landes zu verweisen?

Friedman: „Auf jeden Fall. Gemäß dem Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen von 1961 kann ein Gastland einen Botschafter zur persona non grata erklären und ausweisen, wenn dessen Verhalten als inakzeptabel oder aggressiv eingestuft wird. Was White gesagt und getan hat, ist keine geringfügige Unfreundlichkeit, sondern ein schwerwiegender Angriff auf die gesamte Gesellschaft – meiner Meinung nach im Auftrag einflussreicher Personen aus den USA. Ein solcher Angriff durch einen Diplomaten im Auftrag eines Präsidenten ist beispiellos.

Die Frage ist, ob es klug ist, einen Botschafter zur persona non grata zu erklären.

Friedman: „Donald Trump hat uns keine moralischen Lektionen zu erteilen, ebenso wenig Bill White. Aus den Epstein-Akten geht eindeutig hervor, dass das Wohlergehen von Minderjährigen für Trump keine Priorität hat, aber ich werde angegriffen und des Antisemitismus beschuldigt, weil ich mich für Rechte und Gesundheit jüdischer Babys einsetze. Das ist doch eine verkehrte Welt, oder?

Es war zuallererst falsch von Trump, jemanden mit einem solchen Profil zu schicken. Er denkt, er könne die Belgier schikanieren, dass wir ein unbedeutendes Land sind, das man unter Druck setzen kann, um nach seiner Pfeife zu tanzen. Das steht im Widerspruch zu den Werten und Interessen der Vereinigten Staaten. Strategisch gesehen ist es eine Katastrophe, sich mit allen zu streiten, um Konflikte zu provozieren mit Europa und anderen traditionellen Verbündeten. Die Art und Weise, wie der Botschafter sich aufgeführt hat, war auf allen Ebenen kontraproduktiv.”

Es wird gemunkelt, auch im Weißen Haus herrsche Uneinigkeit über diese Frage.

Friedman: „Was Trump hier tut, tut er aus eigenem Antrieb, entgegen dem Rat seiner Juristen und Berater. Er hat sich aber von bestimmten Netzwerken beeinflussen lassen, die von Antwerpen aus Lobbyarbeit betrieben haben. Michael Freilich hat zum Beispiel keinen Hehl daraus gemacht.“

Welche Rolle hat der N-VA-Abgeordnete gespielt?

Friedman: „Als Freilich noch Chefredakteur der Zeitschrift „Joods actueel” war, wurden mehrere persönliche Angriffe gegen mich veröffentlicht. Ich habe immer vermieden, mit Freilich in Konflikt zu geraten, aber jetzt kann ich nicht länger schweigen – nicht aus Eigeninteresse, sondern im allgemeinen Interesse. Diese Leute sind zu weit gegangen.

Das heißt?

Friedman: „Freilich ist ein glühender Zionist. Er gehört nicht unmittelbar zu den radikalen kriminellen Sekten, aber seine Wählerschaft in Antwerpen größtenteils schon. Sie sind Teil einer Gemeinschaft, die in direktem Kontakt mit Trump steht und ihn benutzt, jüdische Kriminelle in Amerika durch eine Begnadigung freizubekommen. Trump begnadigt diese Kriminellen hinter dem Rücken der amerikanischen Justiz.

Es handelt sich um Menschen mit viel Geld und Einfluss. Es sind diese Menschen, die dafür gesorgt haben, dass Freilich bei den föderalen Wahlen 2019 auf den fünften Platz der Antwerpener N-VA-Liste gesetzt wurde. So wurde er automatisch gewählt. Es muss eine deontologische Untersuchung** gegen ihn geben. Es ist sehr verdächtig, dass jemand ohne echte Verbindung zur N-VA plötzlich eine solche Position erhält. Ich kenne fast jeden in der Partei, und das widerspricht völlig der internen Logik.”

Sie lassen sich gerne mit N-VA-Mitgliedern fotografieren.

Friedman: „Ich kenne die Partei gut. Aber bleiben wir bei den Fakten: Ich habe noch nie jemanden positiv über Freilich sprechen hören. Jetzt sitzt er im Parlament, ohne jemals gründlich überprüft worden zu sein. Und er befasst sich mit Cyberangelegenheiten und anderen sensiblen Themen. Welcher Agenda dient er: einer belgischen, einer amerikanischen oder einer israelischen?

Michael Adler, der ehemalige US-Botschafter in unserem Land, hat Freilich mehrmals getroffen. Vor einigen Monaten reiste Freilich nach Washington, um die engsten Berater von Trump zu treffen. Er sagte, er sei dort gewesen, um die Amerikaner davon zu überzeugen, Belgien unter Druck zu setzen, um die gerichtlichen Ermittlungen zu den Beschneidungspraktiken einzustellen. Aber wer bezahlt all diese Reisen? Und was treibt Freilich noch alles in Amerika?

War es ein Fehler der N-VA, Freilich an Bord zu holen?

Friedman: „Bart De Wever hat das getan, als er noch Vorsitzender der N-VA und Bürgermeister [von Antwerpen; A.d.Ü.] war, in der Hoffnung, die jüdische Gemeinde auf seine Seite zu ziehen. De Wever ist klug, aber hier hat er sich verschätzt. Gleichzeitig denke ich, dass er keine große Wahl hatte: Hätte er Freilich nicht auf die Liste gesetzt, wäre die Partei vielleicht in Konflikt geraten – mit der jüdischen Gemeinde in Antwerpen, aber auch mit den Amerikanern und mit Israel.”

Haben die Israelis ihre Finger im Spiel in Antwerpen?

Friedman: „Antwerpen ist die finanzielle Basis von Benjamin Netanjahu. Vor zwanzig Jahren war er in Antwerpen. Ich weiß, wo er untergebracht war und was er dort gemacht hat. Meinen Informationen zufolge ist De Wever übrigens heimlich nach Israel gereist, um Netanjahu zu treffen, da er begriffen hatte, dass er sonst nicht Bürgermeister geworden wäre.“

Wollen Sie irgendwann in die Politik gehen?

Friedman: „Wenn ich etwas bewirken kann, dann ja. Aber das tue ich eigentlich schon jetzt, und ich möchte vermeiden, dass mir die Hände gebunden sind. Das war vermutlich einer der Gründe, warum die N-VA Freilich aufgenommen hat: „Wenn er Mitglied der Partei wird, können wir ihn kontrollieren.“ Doch das hat sich als keine gute Idee erwiesen.“

Haben Sie sich für eine modernere Auslegung des orthodoxen Judentums entschieden?

Friedman: „Genau. Aber wie man seinen Glauben auslebt, ist weniger wichtig, solange man ihn nicht missbraucht, um kriminelle und gefährliche Praktiken zu rechtfertigen, wie es hier in Antwerpen mit den rituellen Beschneidungen geschieht.”

Schon 2014 sprachen Sie in einem Interview mit der Zeitschrift “Knack” von einem Völkermord an den Palästinensern. Mehr als zehn Jahre später findet tatsächlich ein Völkermord statt. Wie blicken Sie auf diese Zeit und auf Ihre damaligen Äußerungen zurück?

Friedman: „Israel, wie wir es heute kennen, wird früher oder später aufhören zu existieren. Alle Anzeichen deuten darauf hin, einschließlich der Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen. Das erklärt auch das extreme, fast rücksichtslose Vorgehen. Das sieht man auch bei Trump: Sie versuchen, Zeit zu gewinnen, aber ihr Untergang ist nahe. Netanjahu wird Israel mit in den Abgrund reißen.“

Israel bringt die Juden weltweit in Gefahr, auch die kommenden Generationen“, sagten Sie in diesem Interview.

Friedman: „Die einzige Möglichkeit, Antisemitismus zu bekämpfen, besteht darin, deutlich zu machen, dass nicht alle Juden hinter Israel stehen.

Abschließend: Vor kurzem hat Tel Aviv Zahlen veröffentlicht, wonach mehr als vierhundert Personen mit belgischer Staatsangehörigkeit in der israelischen Armee aktiv waren. Auch darüber haben Sie schon 2014 gesprochen.

Friedman: „Das stimmt, aber leider wurde niemand festgenommen. Solche Personen sollten wie Syrien-Kämpfer behandelt werden. Belgische Juden, die nach Gaza ziehen, um dort zu kämpfen und sich an einem Völkermord zu beteiligen, sind Kriegsverbrecher. Bei ihrer Rückkehr sollten sie sofort festgenommen und strafrechtlich verfolgt werden.“

Anmerkungen

* Montasser AlDe’emeh (* 1989 in Jordanien) ist ein belgisch-palästinensischer Autor, Wissenschaftler, Arabist, Islamwissenschaftler (Katholische Universität Löwen) und freiberuflicher Journalist, unter anderem für die Zeitung De Morgen und die Zeitschriften Humo, De Groene Amsterdammer und Vrij Nederland.

** Deontologische Kommissionen im politischen Bereich in Belgien entsprechen in etwa den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen in Deutschland.

Übersetzung: Jürgen Klute

Das hier in einer gekürzten Version veröffentlichte Interview wurde erstmals am 21.02.2026 auf dem belgischen Nachrichtenportal HUMO unter dem Titel “Rabbijn Moshe Friedman over de besnijdenisrel en Bill White: ‘In Antwerpen wordt geen enkele joodse rituele besnijdenis uitgevoerd zónder orale zuiging’“ veröffentlich. Die Übersetzung und Wiedergabe des Interviews erfolgt mit Zustimmung des Autors Montasser AlDe’emeh. Die Wiedergabe der Fotos erfolgt mit Zustimmung der Fotografin Aurélie Geurts.

 

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