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“Der Weg zur Grenze” – ein Abend über Erinnerung und die Verteidigung demokratischer Werte

Von Reinhard Boest

Veranstaltungen der deutschen Landesvertretungen in Brüssel zeichnen sich selten durch attraktive Titel aus. So auch die Lesung und das Gespräch, zu dem an diesem Montag die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (BLZ) und das Europanetzwerk Deutsch des Goethe-Instituts Brüssel mit Unterstützung der EU-Vertretung des Freistaats eingeladen hatten. Unter dem sperrigen Titel “Erinnerungskultur und politische Debattenräume” ging es um die Entdeckung eines 1944 entstandenen sehr persönlichen Romans als Grundlage für die Frage, wie man die Bedrohung unserer verfassungsmäßigen Ordnung erkennen und die Demokratie verteidigen kann. Dazu diskutierten die Kulturwissenschaftlerin Ingvild Richardson, der Historiker Clemens Tangerding und der Direktor der BLZ Rupert Grübl, moderiert von Katrin Schmidt vom Goethe-Institut.

Philipp Aigner von der bayerischen EU-Vertretung brachte es in seiner Begrüßung auf den Punkt: Es gehe um “Wissen” und um “Mitmachen”. Wissen und Erinnerung werde gerade in postfaktischen Zeiten zunehmend zu einer Herausforderung und damit zu einer brüchigen Grundlage für das “Mitmachen”, das heißt die Teilnahme an politischen Debatten.

“Der Weg zur Grenze” ist ein Roman, den die jüdische Schriftstellerin und Fotografin Grete Weil 1944/45 geschrieben hat. Sie war 1935 ihrem Mann Edgar Weil auf der Flucht vor den Nationalsozialisten ins Exil nach Amsterdam gefolgt. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande im Mai 1940 versuchte das Paar, nach Großbritannien zu entkommen. Kurz vor der Ausreise wurde Edgar Weil bei einer Razzia von der Gestapo verhaftet, nach Mauthausen deportiert und ermordet. Greta Weil stand kurz davor, sich das Leben zu nehmen, blieb aber in Amsterdam, auch aus Verantwortung für ihre Mutter – und weil sie jetzt “das Weiterleben als die letzte Form des Widerstands” sah. Sie ließ sich als Fotografin beim “Joodsche Raad” anstellen, einer von den Nazis in den besetzten Gebieten eingerichteten Zwangskörperschaft für Juden. Gleichzeitig engagierte sie sich im Widerstand, etwa bei der Fälschung von Dokumenten. Als auch ihr im September 1943 die Deportation drohte, versteckte sie sich eineinhalb Jahre lang im Haus eines Freundes in der Prinsengracht. Dort entstand der Roman, der die Veränderung des Klimas in Deutschland und das Erstarken des Nationalsozialismus während der Weimarer Republik nachzeichnet. Die Warnsignale waren schon früh deutlich wahrnehmbar, wurden aber von vielen Juden und oppositionellen Intellektuellen nicht ernst genommen, bis es zur Flucht – den “Weg zur Grenze” – zu spät war.

Sie erzählt darin auch ihre eigene Geschichte und die ihrer Liebe zu Edgar Weil. Auch sie, 1906 in Egern am Tegernsee als Tochter des renommierten Münchener Rechtsanwalts Siegfried Dispeker geboren, hatte die Warnsignale nicht gesehen. Sie verbrachte ihre Jugend in einem großbürgerlich-liberalen Haus und fühlte sich als Bayerin und Münchenerin, nicht als Jüdin. Ihre Familie vertraute trotz des zunehmenden Antisemitismus in Bayern auf die deutsch-jüdische Symbiose.

Nachdem sie “durch die Hölle gegangen” sei,, wollte sie mit ihrem literarischen Schaffen gegen das Vergessen anschreiben. “Mit aller Liebe, allem Vermögen, in zäher Verbissenheit. Vergessen tötet die Toten noch einmal. Vergessen durfte nicht sein. Und so schrieb ich weiter. Und immer häufiger wurde ich gelesen, und das war ein schwacher Abglanz von Glück.“

Gelesen wurde Grete Weil aber erst sehr viel später. So wurde “Der Weg zur Grenze” erst 2020 von Ingvild Richardsen bei der Sichtung von Grete Weils Nachlass im Münchener Literaturarchiv “Monacensia” (wieder-)entdeckt. In der Bayerischen Vertretung berichtete Richardsen, wie es dazu kam: In Rottach-Egern am Tegernsee war ihr aufgefallen, dass es zwar Denkmäler für Ludwig Thoma und Ludwig Ganghofer gebe, aber nichts an Grete Weil erinnere. Beim “Graben” im Archiv sei sie dann auf das fast nicht mehr lesbare Typoskript gestoßen und sei sofort überzeugt gewesen, dass es veröffentlicht werden müsse, nicht nur als Zeitdokument, sondern vor allem, weil es so viele Parallelen zu aktuellen Entwicklungen gebe.  2022 konnte das Werk im Beck-Verlag erscheinen  – 77 Jahre nach seiner Entstehung und 23 Jahre nach Grete Weils Tod. Ingvild Richardsen ordnet den Roman in einem ausführlichen Nachwort literaturwissenschaftlich ein und beschreibt seine Entstehungsgeschichte.

Auch viele andere von Grete Weils Werken hatten es nach ihrer Rückkehr nach Deutschland schwer, einen Verleger zu finden. Im Westdeutschland der Nachkriegszeit wollte man das Publikum offenbar nicht mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und dem Leid der jüdischen (und anderen) Opfer konfrontieren. So erschien die noch in Amsterdam entstandene Erzählung „Ans Ende der Welt“, ein erstes literarisches Zeugnis der Deportation holländischer Juden durch die Nazis, 1949 zunächst nur in Ostberlin. Erst 1980, im Alter von 74 Jahren, erfuhr Grete Weil die ihr gebührende literarische Anerkennung und erhielt zahlreiche Preise, zuletzt im Jahr 1996 den Bayerischen Verdienstorden.

Ingvild Richardsen stellte den Bezug zur Gegenwart her: Man müsse sich der politischen Realität stellen, und es sei gefährlich, sich von ihr ausgenommen zu fühlen. “Ein Mensch ohne Politik ist wie ein Schlafwandler – über kurz oder lang wird er von seinem Dach herunterfallen”, wie sie eine Stelle im Roman zitiert.

Die BLZ hat das Buch erworben und stellt es im Rahmen ihrer Erinnerungsarbeit zur Verfügung, wie Robert Grübl berichtete. Wie wichtig das Erinnern sei, werde an der zunehmenden Forderung nach einem Schlussstrich deutlich, wie sie etwa von Abgeordneten der AfD im bayerischen Landtag ganz offen erhoben werde. Dagegen anzugehen, werde schwieriger, da es immer weniger Zeitzeugen gebe, die authentisch von den Greueln berichten könnten. Versuche mit Avataren in Kombination mit künstlicher Intelligenz könnten natürlich kein wirklicher Ersatz sein. Es gehe nicht darum, der heutigen Generation die Verantwortung für die Greueltaten der NS-Zeit zu geben, sondern um die Verantwortung dafür, dass es nicht wieder passiere.

Grübl, der lange Jahre als Lehrer gearbeitet hat, betonte, dass politische Bildungsarbeit daher gerade an den Schulen wichtig sei – aber natürlich nicht nur dort. Man müsse demokratische Werte vermitteln und auch, dass nicht alle Parteien diese Werte teilten, nur weil sie auf dem Wahlzettel stünden. Nicht ohne Grund sehe das Grundgesetz eine “wehrhafte Demokratie” vor. Bei der Verteidigung der Werte dürfe man nicht “neutral” sein. Er wolle daher den Lehrern ausdrücklich Mut machen, gegen Extremismus klar Position zu beziehen, auch wenn sie von Schülern oder Eltern angegriffen würden.

Man müsse allerdings auch eine emotionale Ebene ansprechen, um die Menschen zu erreichen. Intellektuelle Ansätze wie “Hast Du mal das Programm der AfD gelesen?” hülfen in der Regel nicht weiter. Besuche des Konzentrationslagers in Dachau als persönliches Erlebnis für die Schülerinnen und Schüler blieben daher wichtig und würden für alle weiterführenden Schulen in Bayern angeboten. Um die jungen Menschen für die Folgen politischer Entscheidungen zu sensibilisieren, hat die BLZ das Computerspiel “Deine Stimme” entwickelt. Das Game, das unter der Leitung einer Lehrkraft gemeinschaftlich im Unterricht gespielt wird, soll für populistische und antidemokratische Strömungen in der Politik sensibilisieren und die Urteilskompetenz beim Rezipieren von politischen Medieninhalten trainieren. Besonders “lehrreich” sei es, so Grübl, wenn “falsch” abgestimmt worden sei. Das Spiel zeige dann nämlich auf, wohin das führe. Grübl war stolz, dass das Spiel im Jahr 2025 vom Deutschen Computerspielpreis als bestes Serious Game ausgezeichnet worden sei..

Die Frage nach der emotionalen Ebene liegt auch dem Buch “Rückkehr nach Rottendorf” des Historikers Clemens Tangerding zu Grunde. In seinen Projekten beschäftigt er sich mit Erinnerungskultur außerhalb von intellektuellen Zirkeln in der Stadt oder in Talkshows. Er möchte Geschichte mit Menschen erarbeiten, die keine Historiker sind. Er war kreuz und quer durch Deutschland unterwegs in Dörfern und kleinen Städten, für die stellvertretend seine Heimat Rottendorf am Rande von Würzburg steht. Es ging um konkrete Erinnerungskultur: was ist in der NS-Zeit im Dorf passiert, wie ist es seinen Bewohnern ergangen. Dazu hat er sich an die Gruppen gewandt, die das Rückgrat der dörflichen Gemeinschaft bilden, etwa die freiwillige Feuerwehr oder der Sportverein. Herausgekommen sind etwa Ausstellungen, in denen Objekte oder Zeugnisse der Zeit zu sehen sind.

Seine Feststellung: Die Menschen vertrauen keinen Sonntagsreden oder Radiosendungen, sondern Personen, die sie kennen. Dort kämen “rechte, linke und andere normale Leute” (so der Untertitel seines Buches) erstaunlicherweise ganz gut miteinander aus. Denn es gehe dort nicht um theoretische (politische) Debatten, sondern darum, konkrete Ziele zu erreichen. Wie kann man gegen verbreiteten Überdruss angehen, wie gesellschaftliche Spaltung überwinden? In seinem Buch sagt er: “Ich möchte erklären, warum in der Erfahrungswelt Einigungen so wichtig sind und im Debattenraum Standpunkte. Ich möchte uns allen empfehlen, die Lautstärke der Debatte ab und zu herunterzudrehen.”

Dennoch bleibt der Einsatz für Erinnerung und demokratische Werte gerade in dieser Zeit wichtig. Grübl wurde aus dem Publikum gefragt, ob er nicht frustriert sei, wenn er die Wahlumfragen sehe. Seine Antwort: ja, zuweilen schon, aber darum mache er politische Bildungsarbeit.

Der Abend klang mit Gesprächen bei bayerischem Bier und fränkischem Wein am gewohnt leckeren Büffet aus.

Grete Weil, Der Weg zur Grenze. Roman. Herausgegeben von Ingvild Richardsen, C. H. Beck, München 2022, ISBN 978-3-406-79106-2

Fotos: Goethe-Institut und Verfasser

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