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Abgehört 6: Stefan Bracaval, Tom Van Dyck, Haard …

Von Ferdinand Dupuis-Panther

Stefan Bracaval – Zilt, self release

Das Saxofon ist im Gegenwartsjazz dominant, die Querflöte ist eher eine Rarität. Der aus Mechelen gebürtige Flötist Stefan Bracaval schafft mit seinem Ensemble ein transparentes musikalisches Gewebe. Beinahe kristallin mutet an, was wir hören, auch im Gesang von Helena Casella. Die Lyrik in Portugiesisch geht eine harmonische Stimmverbindung mit dem Klang der Querflöte ein, sehr überzeugend und gelungen. Zugleich hat die musikalische Umsetzung auch etwas von einem Hauch Fusion Jazz. Das beginnt schon mit „7weven“. Bracaval nimmt den Hörer gleichsam an die Hand und führt ihn durch die Komposition. Dabei überzeugt seine Leichtigkeit. Müsste man diese in ein Bildwerk umsetzen, so müsste man den Pointillismus eines Paul Signac als Vorlage nehmen. Genauso bewegt wie der Flötist agiert auch der Gitarrist Jeroen Reggers. Gehauchte Lyrik dringt bei „Neblina“ an unser Ohr und geht eine Melange mit dem Flötenklang ein. Wie im ersten Stück auch sind es die fein ziselierten Tonfolgen, die im Gedächtnis bleiben. Weiter geht es mit dem Stück „Bauhaus Blues“: Ein wenig Melancholie ist auszumachen. Auffallend ist die Verknüpfung zwischen den Linien des Gitarren- und Flötenspiels. Und dann im Solo des Flötisten erleben wir den Blues, wohl eher in der Ausprägung des rohen Blues eines John Lee Hooker. „Randoll“ kommt ohne die Weichzeichnung der Stimme von Helena Casella aus. Der Schlagzeuger Gert-Jan Dreessen eröffnet das Stück, ehe dann der Flötist nebst dem Bassisten Hendrik Vanattenhoven zu hören ist. Dabei verquicken sich die Klanglinien der beiden Instrumentalisten. Nach „A Sombra da Memória“ folgt zum Schluss wiederum ohne den Beitrag der Vokalistin „C-Side Song“. Hören wir bei diesem Stück nicht auch die tiefe Stimme einer Bassquerflöte? Im Weiteren gleitet das Melodische dahin, lässt an einen unbeschwerten Sommer denken. Ja, die Musik von Stefan Bracaval gleicht den Jahreszeiten Frühling und Sommer. Leichtigkeit und die Schönheit der Melodie sind seine Botschaft. Mehr: https://www.stefanbracaval.com

Tom Van Dyck – Who Needs Words, self release

„Just When I Thought I’d Lost You, You Pop Up Again“ ist der Eröffnungstitel. Oha, das ist ja Bebop und zudem beschwingt. Wenn auch das Saxofon schon eine zentrale Rolle einnimmt, so ist von der sonst üblichen Marktschreierei nichts zu spüren. Tom Van Dyck hat ein Gespür für die feine Linienführung, dabei intensiv begleitet vom Pianisten Milan Verbist, der sich auf rhythmische Noten versteht und in seinem Solo die Finger über die Tasten huschen lässt. Weniger temporeich als die Eröffnungstitel ist „March Waltz“. Ballsaal-Atmosphäre inszenieren die Musiker. Pier Verbist am Bass macht in einem Solo auf sich aufmerksam, sein Sohn Milan begleitet ihn sensibel am Piano. An Milan Verbist ist es dann, mit Leichtigkeit die Melodie zu entfalten, die zu „March Waltz“ gehört. Mit „Collateral Genocide, Hidden Damage“ nimmt das Album seinen Fortgang. Angesichts des durchaus politisch anmutenden Titels hat die Musik nichts von Destruktivem. Da treffen die Bandmitglieder mit ihren Instrumenten nicht in einer „musikalischen Schlacht“ aufeinander. Stilistisch sind wir immer noch bei Bebop bzw. Postbop. Wie in anderen Stücken auch lässt Tom Van Dyck seinen Mitmusikern Raum, Spielraum, so dass Milan Verbist ausgiebig seinem Tastenspiel frönen kann. Zum Album gehören außerdem Titel wie „That Dream You Don’t Want To Wake Up From“ und „The Bottom Line“. Übrigens, beim zuletzt genannten Titel hören wir Tom van Dyck am Sopran-Saxofon. Doch wenden wir uns nun „Who Needs Words?“ zu. Es ist der Titeltrack des Albums. Berechtigt scheint die Frage, wenn auch die Antwort wohl nicht in der Musik liegt, unabhängig davon, dass sich das Quartett dieses Mediums bedient. Musiker sind eben selten Wortkünstler und im Kern Klangkünstler. Beim Lesen des Track-Titels „The Flight Of The Damselfly“ ist man gespannt, wie der spezifische Libellenflug musikalisch eingefangen wird. Lässt uns der Bassist nicht am Auf und Ab des Fluges teilnehmen? Und was macht der Saxofonist? Er folgt der Libelle die durchaus auch „pfeilgeschwind“ über Gewässer fliegt und sich an Röhricht klammert. Milan Verbist scheint uns eher in die Teichlandschaften und Wasserwelten zu entführen, in denen sich Libellen tummeln. So nimmt man das Plätschern des Wasser ebenso im Spiel des Pianisten wahr wie den Libellenflug. Zu Finale spielt das Quartett „Major Third Groove“. Mehr: https://www.tomvandyck.eu

Haard – Haard, Off Record

Zunächst ein kurzer Einführungstext zum Label zitiert nach der Veröffentlichung von Off Record: „Inspiriert von den kretischen Bergen präsentiert diese in Brüssel ansässige Band frei improvisierte Musik, die von ohrenschmeichelndem Noise über meditative Klanglandschaften bis hin zu Free-Jazz-Ausbrüchen reicht. Die Improvisationen haben eine suiteartige Form, entwickeln sich langsam, springen manchmal schnell von einer Idee zur nächsten und bilden so ein einziges langes Gesamtwerk. Das selbstbetitelte Album ist eine erste Zusammenarbeit von Jordi Cassagne (Kontrabass), Manos Barkatsas (Gitarre & Effekte), Stan Maris (Akkordeon & Effekte) und João Lobo (Schlagzeug).“

„Neither the Night“ ist der Eröffnungstitel. Zu Beginn hat man den Eindruck, man lausche Schiffs-Signalen. Doch das erweist sich als Klangbeitrag von Stan Maris. Hört man nicht auch das Schlagen des Bogens auf die Bass-Saiten? Klapperndes Schlagwerk wird hinzugefügt. Manos Barkatsas schlägt einige tiefe Gitarrensaiten an, aus denen er eine kleine rhythmische Sequenz formt. Stan Maris entlockt seinem Zuginstrument kurze Passagen im Diskant. Effekte werden eingespielt und überlagern das Spiel von Maris & Co. Mehr und mehr nimmt das Akkordeon eine zentrale Position ein. Stetes Drumming nimmt uns zudem ein. Und dann sind es Space-Sounds und der Klang von Funkverkehr, der gestört erscheint, die uns von dem reinen Klang der Instrumente wegführen. Statt mit „Nor the day“ – eine gängige Redewendung – heißt es bei Haard im Anschluss an den Eröffnungstitel: „Nor the last Drink“. Atmosphärisches Schwingen vernehmen wir, auch eine Form des Wehklagens. Gestrichen wird wohl der Bass mit nervöser Bewegung. Es ergibt sich ein Geräuschfluss, der durch elektronische Effekte „kommentiert“ wird. Der Bassist bemüht sich um eine Melodie und streicht dazu seinen Tieftöner; Effekte über Effekte werden eingestreut und vermitteln den Eindruck von Weltall-Klang. Wenn sich die Instrumentalisten im Weiteren zu Wort melden, dann ist das fragmentierte Musik nebst dumpfem Bass-Getrommel. Teil der Veröffentlichung sind außerdem „Neither The Morning“ und „Nor The Bird“. Dabei erscheint die Musik weiterhin als „Hör-spiel“, scheinen die einzelnen Instrumentalisten wie „Resonanzkörper“ zu agieren. Mehr: https://stilll-off.bandcamp.com/album/haard

Tobias Volckaert/Ever Present – Alledaagse Gedachten, Off Record

Der Saxofonist und Klarinettist Tobias Volckaert legt aktuell sein Debütalbum vor, gemeinsam mit dem Gitarristen Nicolas Van Belle, dem Kontrabassisten Emanuel Van Mieghem und dem Drummer Robbe Broeckx.

Der Eröffnungstitel des Albums ist „We, Here“ mit einem sanft aufgelegten, sonoren Saxofon in den Händen von Tobias Volckaert. In dessen Fußstapfen erleben wir den Tieftöner des Ensembles. Auch zu vernehmen ist der Drummer mit distinkter Basstrommel im Einsatz. Dazu gibt es Klang-Verwirbelungen, die dem Saxofonisten zu verdanken sind, und Saiten-Klänge des Gitarristen. Dominant ist allerdings in puncto Klangfärbungen der Saxofonist. Nachfolgend hören wir „Much Room“. Voll ist der Klang des sonoren Saxofons, derweil sich die Mitmusiker mit kurzen Klang-Akzenten melden, auch mit dem „Geläut des Schlagwerks“.

Der Track „Verfolgens“ beginnt mit einem Schlagwerksolo und Fellgewische sowie einem nachhaltigen Klong-Klong. Und dann erhebt sich die Stimme des Bläsers kurz und getragen. Gestrichene Bass-Sequenzen vernehmen wir. Irgendwie muss man im Weiteren an einen Posaunenchor im kirchlichen Umfeld denken. Mit Flageolett überrascht uns der Gitarrist in „Teruggeven, wat je nooit had 2“. Begleitet wird der Gitarrist vom Bassisten, der dumpfe Klangfelder ausbreitet. Sind da nicht auch elektronische Effekte auszumachen, die an verzerrtes Glockenspiel erinnern? Auch im Weiteren begleiten uns der Gitarrist und der Bassist durch das Stück. Ja, und dann hören wir den Klarinettisten Tobias Volckaert mit sanfter und selten aufgebrachter Stimme. Teil des Albums ist außerdem die Komposition „ Overgroeid“ mit einer dahin schmelzenden Melodielinie. Folgend gibt es eine „Variante“ von „Teruggeven, wat je nooit had“ mit dem Zusatz „1“. Die Offenheit des Raums beschwören das Ensemble und vor allem der Saxofonist in „Eerst, Daarna, Vervolgens, En verder…“. Sehr rhythmisch strukturiert und erneut mit Klarinettenpassagen versehen ist „Flight of the Plastic Seagull“. Folgt man dem Klarinettisten in seinem Spiel, dann vermag man den Flügelschlag einer Seemöwe auszumachen. Oder man begreift das Auf und Ab in den Klarinettenlinien als Auf- und Abwinde, auf das Vorbeiziehen von tiefen und hoch liegenden Wolken. Mehr: https://off-recordlabel.blogspot.com/2026/10/oui089-ever-present-alledaagse-gedachten.html

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