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Grünkohlessen in Brüssel – zünftig, deftig und mit viel Humor

Foto: Heide Newson

Von Heide Newson und Thomas A. Friedrich

Wenn in der Rue Montoyer 61 der Duft von deftigem Fleisch und gekochtem Kohl durch die Gänge zieht, dann weiß jeder: Es ist wieder Zeit für das legendäre Grünkohlessen in der Vertretung von Niedersachen, eine Einladung, um die man sich in Brüssel reißt, obwohl es dort nicht  gerade an noblen Empfängen mangelt. Und die Stars des Abends sind vornehmlich Pinkel und Kohl. So war es auch am Mittwochabend.

Bereits vor 18.30 Uhr strömten hochrangige Vertreter aus den internationalen Institutionen, Diplomatie, Industrie und Wirtschaft in die Räume der Landesvertretung, wo sonst über die hohe EU-Politik diskutiert wird. Charmanter, witziger, eloquenter und sehr humorvoller Gastgeber war Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD), seit Mai 2025 im Amt. Etliche der mehr als 300 geladenen Gäste begrüßte er persönlich.

Normalerweise strahlt die Niedersachen-Vertretung mit prachtvollen Stuckdecken, alten Kaminen, edlen Parkettböden, Kronleuchtern und feinem Schmiedeeisen eine ruhige diplomatische Würde aus – aber nur, bis der Grünkohl einzieht. Dann wird es in diesem  neoklassizistischen Schmuckstück nicht nur ein wenig eng, sondern es verwandelt sich in einen großen Festsaal. Flügeltüren waren geöffnet, dem Innenhof – wie in den Vorjahren – ein architektonisch stilvolles „Zelt“ übergestülpt worden. Dennoch blieb es kuschelig und gemütlich. “Hier wird´s heute mal wieder ein wenig eng”,  so ein belgischer Universitätsprofessor, der sich gleich das erste Jever-Bier schnappte und mit anderen Gästen dicht gedrängt an Stehtischen stand, da es bei dieser großen Anzahl von Gästen auch während des Grünkohlessens nicht für jeden einen Sitzplatz gab. Doch das machte keinem etwas aus. Obwohl auch Sekt genippt wurde. herrschte hier (Jever-)Pils Mentalität vor, was die Gäste ausgesprochen gesprächig und humorvoll machte. Und es ist ein offenes Geheimnis, dass beim Netzwerken an den Stehtischen zwischen zwei oder mehreren Bieren oft mehr erreicht wird als in Wochen offizieller Korrespondenz.

Olaf Lies rückt in seiner Rede Energie- und Sicherheitsthemen in den Vordergrund

Kamen während der Regierungszeit von Stephan Weil stets Volkswagen, Salzgitter und die Treffen mit Kommissionsmitgliedern zur Sprache, so rückte Olaf Lies die Themen Energie und

Foto: Heide Newson

Verteidigung in den Mittelpunkt seiner Rede. Und er ließ keinen Zweifel daran, dass nichts ohne Niedersachsen gehe. „Wir sind nicht nur Energieland Nr. 1 aus Tradition heraus, sondern vor allem mit Blick in die Zukunft. Wer die Energiewende will, das hat sich auch beim Treffen der Nordsee-Anrainerstaaten in Hamburg in der letzten Woche gezeigt, der kommt an Niedersachen nicht vorbei.“

Den Grund lieferte er gleich mit. Der ganz wesentliche Teil der gesamten Energie, die man dort Offshore erzeuge, müsse durch Niedersachsen – oder wie man dort selbstbewusst sage, gerne durch Niedersachsen, wenn das Land auch ein Stück Wertschöpfung davon habe”, sagte der SPD-Politiker.

Auch im Verteidigungsbereich, den er ebenfalls in den Fokus rückte, spiele Niedersachsen eine herausragende Rolle, betonte Lies und erläuterte: „Wir sind das logistische Herz Europas, weil die wesentlichen  Infrastrukturachsen Nord-Süd und Ost-West sich in Niedersachsen kreuzen. Zudem sind wir nicht nur logistische Drehscheibe, sondern auch der größte Bundeswehrstandort,“ fuhr dee Ministerpräsident fort.

Alles klassischer Pinkel oder Soja?

Dass in der Landesvertretung beim Grünkohlessen wie in der Politik keine halben Sachen gemacht werden sollten, daran ließ der Ministerpräsident keinen Zweifel.  Natürlich sei Niedersachsen auch das Herzland des Grünkohls, ob es nun Braunkohl oder Pinkel heiße. „Es schmeckt halt alles gut, wenn es aus Niedersachsen kommt“, sagte Lies, während unsere (niedersächsischen ) Tischnachbarn freudestrahlend mit dem Kopf nickten. „Eigentlich sind wir mit allem zufrieden, was hier in Brüssel gemacht wird“, fuhr dee Regierungschef fort. Er habe nur ein Problem. „Das Problem ist, es gibt heute Abend auch vegetarischen Pinkel. Die große Herausforderung ist, ob man ihn auch so nennen dürfe. Die Frage richtet sich vor allem an die Kollegen aus Europa … Vielleicht müssen wir ja nicht alles regeln, sondern wir trauen den Menschen zu, dass, wenn sie Wurst kaufen, dass sie wissen, was drin ist, weil es ja auch draufsteht. Vielleicht kann man ja auch sagen, dass es vegetarische oder vegane Pinkel gebe, und es wäre schön, wenn wir uns heute Abend darauf verständigen könnten. Aber weil wir Niedersachsen auch schlau sind, haben wir uns überlegt, wie er notfalls heißen kann. Pflanzenbasierte  norddeutsche Röhrenspezialität? Wenn nix geht, dann nennen wir es so. Bitte sorgt aber dafür, dass es weiterhin vegetarischer Pinkel heißen darf. Wir sind auch als Agrarland die Nummer 1. Wir sind immer die Nummer 1.“ Mit solch einer Ansage gerieten  unsere niedersächsischen Tischnachbarn völlig aus dem Häuschen.  „Was haben wir für einen tollen Ministerpräsidenten“, lautete ihr Fazit.

Als Ehrengast des Abends ging Nato-Botschafter Detlef Wächter auf die drängenden Fragen europäischer Sicherheit mit Blick auf Russland und die USA ein. Seine Kernaussagen bezogen sich auf Grönland, Zölle, Gegenzölle und die USA, die er trotz des erratischen und unberechenbaren Präsidenten Donald Trump als einen Verbündeten bezeichnete, der felsenfest an der Seite der Nato stehe und ein ureigenes Interesse an einer starken Allianz mit leistungsfähigen Alliierten in Europa habe.

Satire als Stimmungsmacher

Wenn Dietmar Wischmeyer als Günther der Treckerfahrer loslegt, bekommen vom Ministerpräsidenten bis zu den Brüsseler Bürokraten alle ihr Fett weg. Und klar, dass er in seiner bekannt trockenen humoristischen Art als Erstes Europa aufs Korn nahm. Wenn er sich schon über Deutschland aufrege, dann aber noch mehr über Europa. „Man kann das ja nicht mehr hören, nicht mal das Wort Europa. Brüssel hat sich ja mal wieder im letzten Jahr so abseitigen Blödsinn einfallen lassen, dass Hundewurst nicht mehr Hundewurst heißen darf, wenn der Köter Vegetarier war.“  Nur negative Schlagzeilen seien über Europa zu lesen. Europa werde zwischen Russland und den USA zerrieben. Und dann stellte sich Günther die Frage, was Europa denn überhaupt sei. „Früher hieß es, Europa geht bis zum Ural. Ich schätze mal, dass Putin das völlig anders sieht und in den russischen Erdkundebüchern steht, Europa geht ‚from the River to the Sea‘ – also von Frankfurt/Oder bis an die Nordsee, und dann ist Schluss.“

Auch Trump habe das Europabild verändert, seit er Grönland annektieren wolle, fuhr Wischmeyer fort. Und Unions-Fraktionschef Jens Spahn habe herausgefunden, dass Grönland auf der nordamerikanischen Kontinentalplatte liegt. „Das heißt, völkerrechtlich am Arsch. Die Plattentektonik bestimmt ‚watt‘ wozu gehört.“ Pech für Europa, dass es auf der eurasischen Platte liege und somit keinen Anspruch auf Eigenständigkeit habe. In Milliarden Jahren könne so Grönland zu Norwegen gehören. Und ganz Europa dank Plattentektonik zu den USA. Weitere seiner frechen Sprüche sorgten für kollektives Gelächter und trugen zur weiteren Lockerung der ohnehin gelösten Stimmung bei.

Party-Laune pur

Foto: Heide Newson

Es ist faszinierend zu beobachten, wie nicht nur hochrangige EU-Politiker versuchen, eine Pinkelwurst unfallfrei zu zerlegen, und wie sie aufpassen, dass kein Grünkohlklecks auf ihrer Krawatte oder sonstwo landet, während sie über die Gemeinsame Agrarpolitik oder andere Themen fachsimpeln. An unserem Tisch lief alles unfallfrei ab, als zunächst Gemüsesuppe, dann Kassler Lachs, Oldenburger Pinkel, Petersilienkartoffeln, vegetarische und vegane Varianten sowie Rote Grütze mit Vanillesauce serviert wurden. Allerdings kamen an unserem Tisch Sojawurst und die veganen oder vegetarischen Varianten überhaupt nicht gut an. Alle griffen zu den unverfälschten niedersächsischen Klassikern. Und da wir neben Thomas Seidel, Verkaufsdirektor des Friesischen Brauhauses zu Jever, saßen und er auch eingeschworenen Weinliebhabern das Jever-Bier  schmackhaft machte, griffen wir beherzt zu. Und es schmeckte so gut, dass es nicht nur bei einem blieb. Und als dann auch noch der Verdauungsschnaps nach den Kalorienbomben gereicht wurde, stiegen die Dezibel im Saal. Es wurde gelacht und geplaudert, was das Zeug hielt, und der Unterhaltungswert war hoch. Das war natürlich Dietmar Wischmeyer zu verdanken, der so wunderbar politisch unkorrekt losgelegt hatte – aber natürlich auch einem unprätentiösen, bodenständigen und humorvollen Ministerpräsidenten sowie nicht zuletzt den deftigen  Superstars des Abends: Grünkohl und Pinkel aus niedersächsischen Landen.

 


Fotogalerie

Fotos: Thomas A. Friedrich

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