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Rabbiner Konferenz und jüdisches Neujahrsfest „Rosh Haschana“ in der Bayerischen Landesvertretung

Foto: Heide Newson

Von Heide Newson

Vor wenigen Tagen bin ich ein weiteres Mal zur Bayerischen Landesvertretung in Brüssel.gegangen. Schon beim Einbiegen in die Rue Wiertz war mir jeoch klar: Heute wird nichts wie sonst sein. Wo man normalerweise ungehindert zum Eingang der Landesvertretung spaziert, versperrten nun Einsatzfahrzeuge der belgischen Polizei mir fast den Weg. Die Ordnungshüter beäugten mich mit einem gewissen Argwohn. Die übliche Gelassenheit des EU-Viertels war einer greifbaren Anspannung gewichen.
Beamte ganz in Schwarz gehüllt und genaue Ausweisprüfungen und Einlasskontrollen prägten das Bild, bevor ich die Schwelle der bayerischen Vertretung erreichte. Jeder Schritt, so hatte ich das Gefühl, wurde genauestens beobachtet. Erst im Inneren des Raums, in dem die Pressekonferenz stattfand, herrschte die gewohnte entspannte Atmosphäre – an diesem Tag eine jüdisch geprägte Neujahrsstimmung.

Thematischer Schwerpunkt

Im Vordergrund des jüdischen Neujahrsfestes, das in Zusammenarbeit mit der Konferenz Europäischer Rabbiner  (CER) veranstaltet wurde, standen neben den traditionellen Neujahrswünschen für „Rosh Haschana“ Gespräche über die Bekämpfung von Antisemitismus in Europa, der Schutz für jüdisches Leben in den EU-Mitgliedstaaten sowie Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Und da scheint in Belgien wohl so einiges im Argen zu liegen. „Schon vor unserer Anreise wurde uns nahegelegt, aus Sicherheitsgründen keine jüdischen Symbole, vor allem kein Kippa zu tragen,“ so die jüdischen Teilnehmer und Rabbiner anlässlich der Pressekonferenz.

Nach Großbritannien, Österreich belege Belgien, so hieß es,den dritten Platz bei antisemitischen Übergriffen, Anfeindungen und zunehmenden Attacken. Der Alltag jüdischen Lebens sei in Belgien schwierig, komplex und konfliktgeladen. Als Beispiel wurde das Schächterverbot, die Schlachtung ohne vorherige Betäubung, genannt. Somit seien jüdische Gemeinden gezwungen, teures koscheres Fleisch aus dem Ausland zu importieren.

Dass die rituelle Beschneidung, die in Belgien nicht grundsätzlich verboten ist, sondern durch zertifiziertes medizinisches Personal ausgeführt werden muss, wurde ebenfalls von einigen Rabbinern als antisemitisch bezeichnet. Ein orthodoxer Würdenträger vertrat die Meinung, dass der belgische Staat kein Recht habe, sich in jüdische Angelegenheiten einzumischen. Die Behauptungen illegaler Eingriffe bei der Beschneidung entsprächen nicht der Tatsache. Alles sei Unsinn, während in Belgien die freie Religionsausübung des traditionellen jüdischen Lebens nicht gewährleistet sei.

Zur Debatte zwischen Bill White, dem Botschafter der Vereinigten Staaten, und dem umstrittenen Antwerpener Rabbiner Moshe Friedman vertrat der Würdenträger die Ansicht des amerikanischen Diplomaten. White hatte die belgische Strafverfolgung der Beschneider als lächerlich und antisemitisch angeprangert. Friedman sei gar kein registrierter Rabbiner, während die belgische Regierung sich ganz auf dessen Aussagen stütze. Belgieninfo gegenüber bezeichnete der Würdenträger die Alternative für Deutschland (AfD), keineswegs als antisemitisch, da gäbe es in Deutschland ganz andere Kreise. Diese Ansicht wurde allerdings weder von Pinchas Goldschmidt noch Gady Gronich geteilt, der aus München angereist war. Der Kollege sei ein Anhänger Trumps, so Gronich gegenüber Belgieninfo.

Abendveranstaltung

Während der anschließenden Abendveranstaltung, zu der örtliche Vertreter der jüdischen Gemeinschaft sowie aus der Diplomatie geladen waren, sprachen Gady Gronich und Pinchas Goldschmidt, über den spürbaren Antisemitismus in Europa. Ihre Forderung, die ebenso an Katarina Barley, die sozialdemokratische Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments gerichtet war, galz der verstärkten Absicherung jüdischer Institutionen, Schulen und anderer Einrichtungen innerhalb der EU-Mitgliedstaaten.
In ihrer Ansprache verwies die Europaabgeordnete auf Katharina von Schnurbein, die auf EU-Ebene die Bekämpfung von Antisemitismus und die Förderung jüdischen Lebens seit Dezember 2015 koordiniert. Von Schnurbein sei die direkte Ansprechpartnerin für jüdische Organisationen und Gemeinden in ganz Europa. Sie bringe deren Anliegen, Sorgen und Sicherheitsbedürfnisse direkt in die Entscheidungsprozesse der EU-Kommission ein.
Dass man in Städten wie Brüssel, dem Herzen Europas, Angst haben müsse, erkennbar jüdisch zu sein, verstärke das Gefühl, in der europäischen Diaspora nicht mehr sicher zu sein, betonten die aus unterschiedlichen EU-Ländern angereisten jüdischen Würdenträger. Sie nutzten den Neujahrsempfang dazu, mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass ihre Landsleute in Europa Mützen statt Kippas tragen müssten.sowie ihre Grundrechte nicht geachtet würden.

Feierlicher Empfang

Nach den Neujahrsansprachen kamen die Gäste in einen kulinarischen (koscheren) Genuss. Jüdische Spezialitäten und sehr leckere und kreative Appetithäppchen sowie Nachspeisen luden zum Verweilen ein. In sodann ungezwungener Runde knüpften die Gäste Kontakte zur jüdischen Gemeinschaft, vertieften bereits bestehende Beziehungen und tauschten sich über die aktuelle Situation in Israel, dem Gazastreifen und den Libanon aus.
Während dieses Miteinanders mit tiefgründigen Gesprächen überwogen, trotz aller Widrigkeiten und Probleme, Zuversicht und Hoffnung. Dies versetzte die Gäste, auch die Verfasserin dieser Zeilen, mit Blick auf das neue (jüdische) Jahr in eine sehr fröhliche und stimmungsvolle Feierlaune.

Fotogalerie

Alle Fotos: Heide Newson

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