
Der Zusammenschluss der Gruppen Rossel und IPM im französischsprachigen Landesteil soll das Überleben der meisten Zeitungen sichern, hat aber auch Sorgen ausgelöst
Von Michael Stabenow
Die belgische Landschaft für Zeitungen und Zeitschriften ist seit längerem durch einen Konzentrationsprozess geprägt. Im niederländischsprachigen Flandern gibt es mit den Gruppen DPG Media und Mediahuis zwei Wettbewerber, die jeweils über ein starkes Standbein in den Niederlanden verfügen. Südlich der Sprachgrenze wird die Medienlandschaft bei Printprodukten künftig zu über 90 Prozent in den Händen eines einzigen Anbieters liegen. Anfang Juli hat die belgische Wettbewerbsbehörde den Zusammenschluss der beiden großen Verlagshäuser Rossel und IPM Media unter Auflagen gebilligt.
Konkret bedeutet dies, dass künftig praktisch alle französischsprachigen Tageszeitungen von der nicht zuletzt als Eigentümerin von „Le Soir” bekannten Rossel-Gruppe herausgegeben werden, die 90 Prozent der Anteile des neuen Unternehmens halten wird. Ein Anteil von 10 Prozent entfällt künftig auf IPM. Dazu gehört bisher neben dem Flaggschiff „La Libre” auch die Regionalzeitung „L´Avenir” sowie die nicht zuletzt wegen seines ausführlichen Sportteils beliebte Brüsseler Boulevardzeitung „DH/Les Sports”. Die auch in Frankreich und Luxemburg aktive Rossel-Gruppe hält gemeinsam mit der flämischen Roularta Media Group, zu der die angesehene Wochenzeitschrift „Knack” gehört, auch die Hälfte der Anteile der Wirtschaftszeitungen „L´Echo” und „De Tijd”.
„Der Preis, der für das Überleben des Sektors zu zahlen ist.”
Die schon 2025 herangereiften Fusionspläne haben in den betroffenen Redaktionen manche Befürchtungen ausgelöst und auch die belgischen Wettbewerbshüter auf den Plan gerufen. In einer in der vergangenen Woche verbreiteten Mitteilung versichert die Rossel-Verlagsgruppe, dass sie den wettbewerbspolitischen Bedenken Rechnung tragen und die Vorgaben zu Pluralismus und Unabhängigkeit der Presse beachten werde. „Rossel kann also mehr als 90 Prozent des Markts kontrollieren, der Preis, der für das Überleben des Sektors zu zahlen ist”, heißt es in der Mitteilung des Verlags.
Dass Belgiens französischsprachige Zeitungslandschaft – und nicht nur sie – unter Auflagenschwund und sinkenden Anzeigenerlösen leidet, ist seit längerem bekannt. Detaillierte Zahlen zur tatsächlichen Entwicklung der verkauften Druckauflage sind schwer erhältlich. Es ist aber kein Geheimnis, dass sie bei bekannten französischsprachigen Zeitungen wie „Le Soir” und „La Libre” nur bei einigen zehntausend liegen dürfte. Aufschluss über die tatsächliche Markposition gibt eine regelmäßig vom „Centre d’Information sur les Médias (CIM”) veröffentlichter Jahresbericht.
Demnach kommt „Le Soir” auf eine tägliche Reichweite von über 1,6 Millionen Nutzern. Die Anzahl der treuen Leser der Brüsseler Zeitung wird mit knapp 400.000 beziffert. Der ebenfalls in der Hauptstadt produzierte (künftig nicht mehr ganz so scharfe) Konkurrent „La Libre” erzielt eine Reichweite von fast einer Million Nutzer, aber nur knapp 175.000 treue Leser.
Nach wie vor Millionenhilfen für die Verlagshäuser
Ähnlich wie in Deutschland sehen auch belgische Zeitungsverleger in den gut gespickten Nachrichtenportalen audiovisueller Medien wie dem des öffentlichen Senders RTBF einen unlauteren Wettbewerb. Hinzu kommt, dass die dem belgischen Postunternehmen Bpost entzogene Konzession für den Vertrieb die finanziellen Nöte verstärkt habe – dies gelte insbesondere für IPM, heißt es in der Mitteilung von Rossel.
Die Presse in Belgien kann jedoch weiter auf öffentliche Hilfen vertrauten. Auf regelmäßig erscheinende Printprodukte wird keine Mehrwertsteuer erhoben. Nach Informationen der in Lüttich erscheinenden und von Philippe Lawson, einem ehemaligen Mitarbeiter von „La Libre” und „L´Echo”, gegründeten digitalen Publikation „L-Post” haben Rossel und IPM im Jahr 2024 insgesamt knapp 12 Millionen Euro an öffentlichen Hilfen von der „ Fédération Wallonie-Bruxelles” erhalten.
Das Buhlen um Anzeigen in einem zunehmend von digitalen Anbietern geprägten Markt
Für die belgischen Wettbewerbshüter war bei der Prüfung des Zusammenschlusses der beiden Verlagshäuser ein wichtiger Gesichtspunkt, dass nicht nur sinkende Erlöse Zeitungsverlagen und Beschäftigte in „strukturelle Probleme” stürzten. Die Digitalisierung sowie die Konkurrenz durch ebenfalls um Anzeigenkunden buhlende Anbieter auf Internetplattformen erhöhten den Wettbewerbsdruck. Insbesondere für die IPM-Titel hätte diese Entwicklung zur Folge gehabt, dass ihr Marktanteil weiter geschrumpft wäre. Der Zusammenschluss mit Rossel eröffne die Möglichkeit, Kosten durch die Bündelung bestimmter Geschäftstätigkeiten („Synergien”) zu verringern. Dies könnte zum Beispiel für den Vertrieb, die Buchhaltung und die Verwaltung gelten.
Fast alle Titel sollen bleiben und sich „in unabhängiger Weise” fortentwickeln
Die belgischen Wettbewerbshüter knüpften die Genehmigung des Zusammenschlusses an eine von der Verlagsgruppe erfüllte Bedingung. „Rossel hat sich vor allem dazu verpflichtet, praktisch alle Titel der frankophonen Presse beizubehalten und dabei ihre Möglichkeit zu garantieren, sich in unabhängiger Weise zu entwickeln”, teilte die Behörde Anfang Juli mit. Dies bedeute, die Identität der Blätter sowie ihre redaktionelle Unabhängigkeit und damit die Vielfalt in der Presselandschaft zu bewahren.
In der jüngsten Rossel-Mitteilung wird jedoch der Vorstandsvorsitzende Bernard Marchant mit folgender Feststellung zitiert: „Die Regel bei Rossel lautet, dass ein Titel rentabel sein muss und nicht einen anderen subventionieren darf.” Auch wenn die Zeitungen ihr eigenes Profil und ihre Unabhängigkeit behalten sollen, sind auch Formen einer engeren redaktionellen Kooperation geplant. Dies gilt nicht zuletzt für die Sportredaktionen von „Le Soir” und der Regionalzeitungsgruppe “Sudinfo” sowie der bisher zu IPM zählenden Zeitungen „DH/Les Sports” und „L’Avenir”. Auch bei regelmäßigen Rubriken wie dem Wetterbericht, den Fernsehprogrammen, den Entwicklungen an der Börse oder Rätseln dürfte künftig alles aus einer Hand – von Rossel – kommen.
„Le Soir dürfte Le Soir bleiben”
Bei der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Berichterstattung und Kommentierung durch die Zeitungen soll im Regelfall alles beim Alten bleiben. „Le Soir dürfte Le Soir bleiben”, erklärte Rossel-Vorstandschef Marchant. Dagegen sollen die künftig in Namur unter einem Dach arbeitenden Redaktionen von „L´Avenir” und „Sudinfo” mit einem “gemeinsamen digitalen Angebot”, aber unverändert mit gesonderten Printausgaben aufwarten. Einige Publikationen, zum Beispiel die in Brüssel erscheinende, bisher zu „Sudinfo” gehörende Zeitung „La Capitale”, soll zugunsten von „DH/Les Sports” vom Markt verschwinden.
Rossel hat sich auch verpflichtet, die geltenden arbeitsrechtlichen Vereinbarungen mit den Redakteuren für zunächst sieben Jahren beizubehalten und die Tradition der Zusammenarbeit zwischen Geschäftsführung und redaktionellen Beschäftigten zu wahren. Dazu soll ein verantwortungsbewusster Umgang mit der auch in den Medien immer stärker genutzten Künstlichen Intelligenz gehören. Auf die Sorgen des französischsprachigen Journalistenverbandes AJP um die Stellung freier Journalisten will Rossel durch die Ausarbeitung von Verhaltensregeln für diese durch den Wandel der Medienlandschaft betroffene Berufsgruppe eingehen.
Und die Leserinnen und Leser der Printprodukte? „Die meisten Leser werden keinen Unterschied merken”, sagt Rossel-Vorstandschef Marchant. Dies ändert jedoch nichts daran, dass alle französischsprachigen Zeitungen künftig aus einem Verlag kommen werden, zu dem übrigens auch die in Eupen erscheinende deutschsprachige Zeitung „GrenzEcho” gehört.
Traditionelle weltanschauliche Unterschiede in der Presse verschwimmen
Wie in anderen Teilen Europas, so sind auch in Belgien die klassischen weltanschaulichen Tageszeitungen von der Bildfläche verschwunden. Ältere Zeitgenossen erinnern sich noch an den kommunistischen „Drapeau Rouge”, die sozialistische Zeitung „Le Peuple” oder das in Gent erscheinende Blatt „Het Volk” sowie die in Brüssel herausgegebene Zeitung „La Cité” – beides der katholischen Arbeitnehmerbewegung nahestehende Publikationen.
Nicht alles aus einer Hand, aber von einem einzigen Besitzer
So wie Flandern die Qualitätszeitungen „De Standaard” und „De Morgen” nicht mehr so eindeutig wie früher einem Links-Rechts-Schema zugeordnet werden können, so sind auch südlich der Sprachgrenze zwischen der konservativ-liberalen Zeitung „La Libre” und dem traditionell eher links der Mitte angesiedelten Blatt „Le Soir” die weltanschaulichen Unterschiede nicht mehr so glasklar wie in früheren Zeiten. Dazu passt durchaus, dass diese zwei, traditionell von unterschiedlichen Schichten bevorzugten Publikationen künftig aus einem gemeinsamen Haus kommen werden.








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