
Persönliche Erinnerungen des Belgieninfo-Teams an den 22. März 2016
Von Michael Stabenow
„Wo warst Du, als…? Es ist eine Frage, die an diesem 22. März, an dem sich der Tag der mörderischen Anschläge im Namen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ am Brüsseler Flughafen und dem U-Bahnhof Maelbeek zum zehnten Mal jährt, in Belgien vielfach gestellt wird – auch im Kreis der Belgieninfo-Mitarbeiter. Heide Newson, seit mehr als zwanzig Jahren im Team, und Reinhard Boest, damals noch Leiter der EU-Vertretung von Mecklenburg-Vorpommern, waren an jenem sonnigen Dienstag vor Ostern außer Landes im Urlaub – Heide im mexikanischen Cancun und Reinhard in Frankreich. Und ich befand mich morgens auf dem Weg zur Arbeit – mit einem Zwischenstopp beim Zahnarzt.
Im stockenden Verkehr, kurz vor der Kreuzung Quatre-Bras/Vierarmenpunt, hörte ich im Autoradio erste Berichte des Senders RTBF über Explosionen am Flughafen Zaventem. Von Todesopfern war da noch nicht die Rede. Als ich gut eine halbe Stunde später im Behandlungszimmer der Zahnarztpraxis saß, klingelte das Telefon. Es meldete sich eine Patientin, die ihren Termin absagte, weil die U-Bahn wegen einer Explosion nicht verkehre. Die U-Bahn? Der Zahnarzt und ich schauten uns fragend an. Hatte die Dame da nicht etwas durcheinandergebracht?
Als ich wenig später in unseren damaligen FAZ-Redaktionsräumlichkeiten an der Rue Belliard im Herzen des EU-Viertels eintraf, war es zur Gewissheit geworden, dass sich an diesem Tag zwei blutige Terroranschläge ereignet hatte. Meinen Kollegen Hendrik Kafsack und Werner Mussler sowie mir, das schwante uns, stand die wohl schwerste Herausforderung unseres beruflichen Lebens bevor. Ja, es hatte nach den Pariser Anschlägen im November 2015 mit 130 Todesopfern und den Verbindungen zwischen mehreren der mutmaßlichen Täter und Belgien in den Wochen zuvor auch in Brüssel eine merkwürdig angespannte Stimmung geherrscht.
Einige Tage zuvor hatte es eine tödliche Schießerei im Stadtteil Forest gegeben, und kurz darauf war mit dem später zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilten Salah Abdeslam einer der in die Pariser Anschläge verwickelten Männer in dem als „Hochburg der belgischen Islamisten“ verschrienen Brüsseler Stadtteil Molenbeek-Saint-Jean festgenommen worden. Noch ahnten wird jedoch nicht, dass die Anschläge dieses Tages letztlich, wie wir inzwischen wissen, 38 Todesopfer (darunter drei Attentäter) fordern sowie für unzählige Verletzte bis zum heutigen Tage mit zum Teil erheblichen körperlichen und seelischen Belastungen einhergehen sollten.
Gemeinsam versuchten wir aus verschiedenen Quellen und eigener Anschauung uns ein Bild der schrecklichen Ereignisse zu machen. Am Abend hatten wir unsere Eindrücke mühsam, aber gemeinsam auf einer ganzseitigen, im Internet heute hinter einer Bezahlsperre verborgenen Reportage unter dem Titel „Der Tag, den alle fürchteten“ zusammengetragen. Und – nebenbei gesagt – erstmals konnte ich mit eigenen Augen miterleben, wie wir das produzierten, was heute bei aktuellen Ereignissen gang und gäbe ist: einen „Live-Ticker“. Anders als Werner und ich wusste Hendrik bereits, wie man mit diesem Format umgehen kann. Und so verbreiteten wir im ständigen Informationsfluss das weiter, was wir an diesem Tag an berichtenswerten Erkenntnissen sammeln konnten.
Heide Newson befand sich an jenem Tag im fernen Mexiko. Nach ihrer Rückkehr aus dem Seebad Cancun hat sie in Belgieninfo (https://belgieninfo.net/einmal-bruessel-zurueck/) ihre damals in der Ferne gewonnen Eindrücke zusammengetragen. Nach einem ausgiebigen Frühstück habe sie die Badesachen eingepackt und beiläufig beim Einschalten des Fernsehens im Sender CNN mit der Schlagzeile “Breaking News” versehende Schreckensbilder entdeckt. Ihre spontane Reaktion damals: ”Mal wieder so ein Verrückter, der in den Vereinigten Staaten mit seinem Gewehr in die Menge ballert.”
Später, als mehr und mehr Details zu den mörderischen Ereignissen im für sie an diesem Tage tausende von Kilometern entfernen Brüssel bekannt wurden, seien ihr andere Gedanken gekommen: “Ich bin zutiefst erschüttert, schockiert, bestürzt und will es einfach nicht glauben. Belgien ein Land, das ich liebe, in dem ich schon so viele Jahre lebe und arbeite, das Land, in dem meine Tochter geboren wurde, Ziel eines so unmenschlichen Angriffs…”
Reinhard Boest weilte zur gleichen Zeit im Osterurlaub in der Bretagne – nicht in Brüssel. “Aber unsere Tochter war hier und wäre auch mit der Metro gefahren, zum Glück später”, berichtete er und fügte hinzu: “Meine Kollegen haben jedenfalls von besorgten Anrufen aus Schwerin berichtet, ob es ihnen gut geht.” Thomas A. Friedrich, ebenfalls aus unserem heutigen Belgieninfo-Team, sagt: “Mir läuft heute auch noch manchmal ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich dort einsteige, wo ich tausendfach ein- und ausgestiegen bin. Auch die Einweihung der Gedenkstätte unweit des Cinquantennaire-Parks in Anwesenheit von König Philippe bleibt mir ins Gedächtnis gegraben, die unheilige Namensallianz Molenbeek und Maelbeek ebenfalls.”
Im FAZ-Büro und im Austausch mit der Frankfurter Zentralredaktion überlegten wir am Morgen des 22. März, wie wir am besten unserer Aufgabe als Berichterstatter nachkommen könnten. Ja, der Live-Ticker erwies sich als geeignetes Instrument, unsere Leserschaft online auf dem Laufenden zu halten. Aber direkte Aussagen von Augenzeugen, von Opfern? Ich machte mich auf den Weg zum nahegelegenen U-Bahnhof Maelbeek. Er war jedoch inzwischen großräumig von der Polizei abgeriegelt worden. Wir sahen nichts vom eigentlichen Ort des Geschehens. Was jedoch bis zum heutigen Tage, zehn Jahre nach dem Blutbad und dem damit einhergehenden menschlichen Leid fest im Gedächtnis bleibt, ist das Gefühl einer erdrückenden Stille – der Totenstille.
Nach der Rückkehr in die Redaktion geht es weiter mit dem Einsammeln von Informationen und Reaktionen – auch privater Natur: Meine Frau, die damals im direkt neben der U-Bahnstation Maelbeek gelegenen Lex-Gebäude arbeitete, hatte eine U-Bahn der Unglückslinie 5 genommen und war wohlbehalten mehr als eine Stunde vor dem Anschlag an der Station Maelbeek eingetroffen. Inzwischen hatten wir auch erfahren, dass unser ebenfalls im EU-Viertel tätiger Sohn mit einem von Schaerbeek kommenden Nahverkehrszug etwa zur Zeit des Anschlags am nahegelegenen Bahnhof Schuman angekommen war und an seinem Arbeitsplatz saß.
Ein Gefühl der Erleichterung mischte sich in den Schock über die schrecklichen Bilder vom Flughafen und vom U-Bahnhof, die nun auch über den Fernsehschirm in unserer Redaktion flimmerten. Wir mussten uns auf unsere journalistische Aufgabe konzentrieren: über die Ereignisse berichten und, soweit möglich, die Ursachen und Erkenntnisse ergründen.
Wir schnappten unter anderem diese Beschreibung eines am Morgen aus Bangkok kommenden und in Zaventem gelandeten Passagiers auf. Er schilderte seine Eindrücke nach einer zweiten Explosion im Flughafengebäude so: “Ich dachte erst, da sei ein Koffer runtergefallen. In der Ankunftshalle habe ich Rauch gerochen und Glas und Blut gesehen. Dann ging ich aus dem Flughafen auf den Parkplatz, und da sah ich Menschen mit Kopfverletzungen, weinende Menschen, mehr Blut und auf der Straße überall Glas.”
Premierminister Charles Michel sprach mittags von einem “schwarzen Tag für unser Land”, sagte aber auch: “Unsere Gedanken gelten zunächst den Opfern, aber auch den Menschen, die ohne Nachricht von ihren Liebsten sind.” Frédéric Van Leeuw, der oberste Staatsanwalt des Landes, gab zu bedenken, dass der Zeitpunkt noch nicht gekommen sei, sich zu den Motiven des Anschlags zu äußern. Am Abend wurden dann aber einige Details zu den Attentätern und zum Stand der Ermittlungen bekanntgegeben, die sich im Laufe der nachfolgenden Tage zu einem Gesamtbild verdichten sollten.
Heide Newson hat damals geschildert, welche Gedanken sie vor einem Jahrzehnt, am 22. März 2016 Im mexikanischen Ferienort Cancun bewegten: “Der Brüsseler Flughafen, mehr als 6000 km entfernt, schien plötzlich in bedrohlicher Nähe. Waren Freunde, Bekannte unter den Toten oder Verletzten?” Eine Frage, die wir uns natürlich in der Brüsseler Redaktion stellten. Einige Tage später berichtete uns Werner Balsen, der damals als Korrespondent der Deutschen Verkehrszeitung (DVZ) Untermieter in den FAZ-Räumlichkeiten war, dass eine Mitarbeiterin und Ansprechpartnerin eines Branchenverbandes unter den Todesopfern seien.
Auch die Tochter eines bekannten RTBF-Journalisten, so erfuhren wir in jenen Tagen, überlebte die Anschläge nicht. Das Mitgefühl für Opfer und Angehörige aus dem näheren geographischen und zuweilen auch persönlichen Umfeld lässt sich in solchen Momenten nicht immer leicht von der Aufgabe trennen, einem breiten Publikum Hergang und Hintergrund von solchen Katastrophen zu schildern.
13 Monate vor den Brüsseler Anschlägen, Mitte Februar 2015, musste ich zum Schauplatz eines Zusammenstoßes von zwei Passagierzügen unweit von Halle südwestlich von Brüssel eilen, bei dem 19 Menschen starben. Darunter war eine gewissenhafte Mitarbeiterin der Pressestelle des Europäischen Parlaments, die sich auf dem Weg zur Arbeit befand. Das werde ich auch an diesem Sonntag, an dem der Opfer der Anschläge und ihrer Angehörigen in Brüssel und Zaventem besonders gedacht wird, nicht vergessen.







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